Nach Dom Helder Camara ist "Dom Erwin" der zweite brasilianische Bischof, der den "alternativen Nobelpreis" erhält. Redakteur Hans Baumgartner erreichte ihn am Telefon.

Vergangene Woche wurde Bischof Erwin Kräutler der „alternative Nobelpreis“ zugesprochen. Nach Dom Helder Camara ist er der zweite brasilianische Bischof, der diese Auszeichnung erhält. Wir erreichten „Dom Erwin“ in Altamira am Telefon.

Herr Bischof, was bedeutet für Sie die Zuerkennung des „alternativen Nobelpreises“?
Kräutler: Natürlich freue ich mich mit vielen in der Diözese über diesen Preis. Vor allem aber, er kommt zur rechten Zeit! Denn jene Leute, die ihn mir wegen meines Einsatzes für die indigenen Völker und deren Mitwelt verliehen haben, wissen von unserem anhaltenden Widerstand gegen das Staudamm- und Kraftwerksprojekt von Belo Monte. Deshalb ist diese Anerkennung durch eine Institution, die auf der ganzen Welt respektiert wird, eine starke Rückendeckung in unserem Kampf.

Kann die durch den Preis gegebene zusätzliche internationale Aufmerksamkeit das Kraftwerksprojekt noch stoppen? Oder ist der Zug schon abgefahren?
Kräutler: Ich weiß nicht, inwieweit die internationale Öffentlichkeit die Mächtigen in unserem Land beeindruckt. Für uns ist sie jedenfalls eine Stärkung, weiterzukämpfen. Und für mich ist der Zug noch lange nicht abgefahren. Ich weiß, dass man in Europa den Eindruck hat, dass das bereits eine ausgemachte Sache ist, seit die Regierung einem Konsortium den Zuschlag erteilt hat. Aber es laufen derzeit noch 15 Prozesse gegen dieses Projekt – und dabei geht es nicht um Kleinigkeiten, sondern um die Umgehung und Missachtung verschiedener Verfassungsartikel. Hier wurde so übel getrickst, dass sich die Staatsanwaltschaft von sich aus eingeschaltet hat. Da geht es auch darum, ob Brasilien ein Rechtsstaat ist oder eine Bananenrepublik. Und so lange die Bagger nicht da sind, leisten wir Widerstand.

Kann durch die am Sonntag gewählte neue Regierung noch ein Umschwung kommen?
Kräutler: Das kann ich nicht sagen. Aber was ich auch der neuen Regierung sagen kann, ist: Wir geben nicht auf.

Sie sagen, dieses Mammutprojekt wäre der Todesstoß für zwei Indianervölker. Warum ist das so?
Kräutler: Es geht nicht nur um zwei Indianervölker, sondern um das ganze Indianergebiet am Oberlauf des Xingú. Denn wenn Belo Monte gebaut wird, müssen drei weitere Staudämme errichtet werden, damit auch außerhalb der Regenzeit genügend Wasser für die Turbinen da ist. Das ist alles schon geplant, die Leute aber werden getäuscht und belogen.  Und auch wenn es nur die zwei Völker wären, die von der ersten Ausbaustufe betroffen sind, wäre das ein Wahnsinn und ein unverantwortlicher Bruch der Verfassung, die den Schutz der indigenen Völker und ihres deklarierten Lebensraumes garantiert. Durch Belo Monte würde die wichtigste Lebensgrundlage der Indianer, der intakte Fluss, zerstört – und damit ihr Leben und ihre Kultur. Das dürfen wir nicht hinnehmen.

Sie beklagen ja auch noch weitere Folgen dieses Projektes. Welche sind das?
Würde dieses Kraftwerk tatsächlich gebaut, dann müsste ein Drittel der 100.000 Bewohner von Altamira umgesiedelt werden. Wie und wohin ist völlig offen. Ich fürchte, da werden, auch durch den zu erwartenen Zuzug, neue Elendsviertel mit all den negativen Folgen entstehen. Außerdem sagen uns die Fachleute, dass der Stausee durch das tropische Klima bald zu einem toten und faulen Gewässer wird und zu einer Brutstätte für alle möglichen Krankheitserreger. Und schließlich geht es hier auch um die Mitwelt, um Amazonien und seinen Regenwald. Denn wenn dieses Projekt durchgeboxt wird, dann ist das erst der unheilvolle Beginn. Dann gibt es kein Halten mehr, dann kommen hunderte andere Projekte. Das wäre der Dolchstoß für Amazonien, für die Indígenas und für die Natur.

Man hört, dass sich auch der österreichische Turbinenbauer Andritz um Aufträge am Xingú bewerben will. Was sagen sie dazu?
Kräutler: Da sieht man nur das Geschäft und das will offenbar niemand auslassen. Den Kindern und Kindeskindern der Manager und Arbeiter im fernen Österreich tut es ja nicht weh, wenn bei uns hier die Umwelt und die Zukunft ganzer Indianervölker zerstört werden. Das ist ein sehr kurzsichtiges Handeln.

Sie haben sich auch über Jahrzehnte für die armen Kleinbauern und Landarbeiter eingesetzt und dabei viel riskiert. Hat sich hier die Lage in den vergangenen Jahren entschärft?
Kräutler: Leider nein, im Gegenteil. Denn die Regierung hat sich entschieden, dass die Zukunft – ganz im Sinne des neoliberalen Systems – in den riesigen Plantagen, in der industriellen Landwirtschaft liegt. Mit Zuckerrohr für Agrosprit und Viehfutter erhofft man sich das große Geschäft. Deshalb ist mit der versprochenen Landreform nichts weitergegangen, deshalb werden die kleinen Bauern noch mehr an den Rand gedrängt. Ähnlich wie die Indianer scheinen sie für die Regierung nur Hemmschuh des Fortschritts zu sein. Dadurch aber werden  Millionen von Bauernfamilien gezwungen, ohne Zukunft in die Slums der Städte abzuwandern, und es wird die Versorgung mit leistbaren Lebensmitteln aufs Spiel gesetzt.

Wie halten Sie das eigentlich aus, bei all den Rückschlägen immer noch weiterzumachen?
Kräutler: Zunächst einmal: es gibt ja nicht nur Rückschläge. Wie ich hier vor 45 Jahren angekommen bin, hat man gesagt, dass es
in 20 Jahren keine Indios mehr geben wird. Heute sind es drei oder vier mal so viel wie damals. Und sie sind mutig und selbstbewusst geworden und setzen sich für ihre Sache ein. Das ist auch ein Erfolg von uns, denn die Kirche war eine der wesentlichen Kräfte, die dazu beigetragen haben, dass die Indianerrechte 1988 in der Verfassung verankert worden sind. Oder wenn ich mir anschaue, wie viel in unseren fast 800 Basisgemeinden an Engagement für die Menschen und für den Glauben gewachsen ist.

Was nun die Rückschläge, die Mühseligkeiten oder die persönlichen Gefährdungen und Anfeindungen angehen: Da bekomme ich aus der Bevölkerung und von den brasilianischen Bischofskollegen, aber auch von vielen Freunden aus der Heimat viel Rückhalt. Das ermutigt mich, im Vertrauen auf die Macht des Evangeliums meinen Weg als Bischof für die Menschen am Xingú, besonders die Bedrängten, konsequent weiterzugehen.

Und letztlich vertraue ich ganz tief auf ein Wort aus dem Römerbrief, das quasi zu meinem Lebensmotiv geworden ist: Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? (Röm 8,31)
Interview: Hans Baumgartner

Reaktionen

Rückenwind!

Der Linzer Bischof Ludwig Schwarz gratulierte als Referent für Mission  in der  Bischofskonferenz seinem Amtsbruder in Brasilien. Es sei bewundernswert, mit welchem Engagement sich Kräutler trotz aller Gefahren für Landlose und Kleinbauern einsetze. Schwarz bezeichnete Kräutler als Vorbild, da er „stets beispielhaft versucht habe, die Ideale des Evangeliums zu leben und auf der Seite der Armen und der Mitwelt zu stehen“.

Bischof Elmar Fischer war aufgrund seiner Teilnahme an der Wallfahrt der KFB zunächst für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Er bedankt sich bei den Gläubigen der Diözese für die tatkräftige Unterstützung von Bischof Kräutler und erklärte: „Ich selbst habe schon im Mai dieses Jahres nach Rücksprache mit dem Freundeskreis über Kardinal Schönborn an den Umweltminister appelliert, sich gegen den Bau des Kraftwerks einzusetzen. Es scheint dies eine Umwelt- und Menschenrechtskatastrophe zu werden. Ich hoffe, dass die Verleihung des Preises den Bemühungen von Bischof Kräutler Nachdruck verleiht und ihm und den Bewohnern des Gebietes zum Erfolg verhilft. Ich werte die Verleihung des Preises jedenfalls als starke Rückenstärkung für sein Wirken!“, erklärte Bischof Fischer.
Auch Bundespräsident Heinz Fischer gratulierte und würdigte das Wirken Kräutlers, ebenso die Dreikönigsaktion und die Katholische Männerbewegung. 

(aus KirchenBlatt Nr. 40 vom 10. Oktober 2010)