... überstrahlt vom Glanz aus der Höhe

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Eine Annäherung an das Geheimnis der Osternacht - von Patrick Gleffe

Vor Jahren habe ich zum ersten Mal ein Bild gesehen, das mich seither nicht mehr losgelassen hat. Es handelt sich dabei um ein mittelalterliches Fresko in der Chora-Kirche in Istanbul, das den Titel „I Anastasis“ - „Die Auferstehung“ trägt.

OsterikoneDie dargestellte Szene findet sich auch auf der orthodoxen Osterikone. Christus, bekleidet mit einem strahlend weißen Gewand und umgeben von hellem Lichtglanz, hat die Pforten des Totenreichs zertrümmert. Die Türflügel liegen zu seinen Füßen, Scharniere, Schlösser und Schlüssel sind am Boden zerstreut. Unter den Türflügeln liegt der Hades, der personifizierte Tod, entmachtet und gefesselt. Christus zieht Adam und Eva - stellvertretend für alle Menschen - aus ihren Gräbern. Er fasst sie an ihren Handgelenken und richtet sie auf – und zwar so, wie einst der byzantinische Kaiser, wenn er einen Verurteilten begnadigte. Adam trägt ein ebenfalls strahlend weißes Gewand, Eva kaiserlichen Purpur.

Hier ist mit Gesten und Farben der Glaube an die Erlösung zum Ausdruck gebracht: Die Menschen, die dem Tod verfallen sind, werden durch Christi Tod begnadigt. Sie werden aus ihren Gräbern herausgerissen, hinein in das Licht des Ostermorgens. Sie sind bekleidet mit den Gewändern des Heils, die deutlich machen, zu welcher Würde sie berufen sind. Links und rechts von Adam und Eva ist eine unüberschaubare Menge von Menschen dargestellt. Es sind Gestalten des Alten und Neuen Bundes - sie alle werden durch Christus zum Leben in Fülle geführt. Die Szene spielt in einer Art Höhle, der Hintergrund ist dunkelblau, fast schwarz - es ist Nacht.

Jedes Jahr versammeln sich in der Osternacht Menschen auf der ganzen Erde, um das Geheimnis der Auferstehung Christi zu feiern. Auch hier ist der „Hintergrund“ die Nacht. Wir versammeln uns im Dunkeln. Alles ist still, die Glocken schweigen. Die Gläubigen warten in der dunklen Kirche. Die neu entzündete Osterkerze wird in die dunkle Kirche, man könnte sagen: In die Finsternisse unseres Lebens, in die Nacht unserer Unerlöstheit hineingetragen.
Der Diakon ruft in die Stille hinein: „Lumen Christi!“ – „Das Licht Christi!“ und alle antworten: „Deo gratias!“ – „Dank sei Gott!“ Insgesamt dreimal ertönt dieser Dialog, damit auch niemand es überhört. Das Licht breitet sich aus in der Kirche. Und schließlich halten alle eine brennende Kerze in ihren Händen, deren Flamme sie von der Osterkerze, dem Licht Christi, erhalten haben.

Osterlicht TaizeSonntag für Sonntag bekennen wir im Glaubensbekenntnis: „…hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten“. Hier, in dieser heiligen Feier mit ihrer tiefen Symbolik, sind wir mit dabei – wir dürfen erleben, wie Christus, das Licht der Welt, in unsere Todesfinsternis kommt, um uns aus der Dunkelheit unserer Gräber zu reißen und uns sein ewiges Licht zu schenken. Wie Adam und Eva auf dem Anastasis-Fresko Christus ihre Hände entgegenstrecken, so strecken wir unsere Hände dem Licht entgegen, um unsere Kerzen zu entzünden und so symbolisch teilzuhaben am Glanz der Auferstehung.

Die Osterkerze steht nun als Zeichen des auferstandenen Christus auf einem besonderen Leuchter im Altarraum und wird mit Weihrauch begrüßt. Der Gesang des Exsultet, des feierlichen Osterlobs, erklingt im Schein der Lichter. Dieser über 1500 Jahre alte Text preist die Großtaten Gottes, derer in dieser Nacht gedacht wird. Da ist von der Erlösung Adams als dem Menschen schlechthin die Rede, von der Befreiung Israels aus der Sklaverei Ägyptens ebenso wie vom Sieg Christi über den Tod. Wie ein Kommentar zu unserem Fresko klingt es, wenn gesungen wird: „Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg. Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren, hätte uns nicht der Erlöser gerettet.“
Die Auferstehung beginnt in der Tiefe, ganz unten, im Reich des Todes. Die Pforten der Unterwelt sind nun zertrümmert, die Macht Christi hat die Fesseln des Todes gesprengt und den Tod selbst entmachtet. In Christus ist Gott in die letzte Dunkelheit menschlicher Existenz hinabgestiegen, um uns alle hinaufzuführen in das Licht seines ewigen Reiches.

Im Licht der Auferstehung hören wir die alttestamentlichen Lesungen als eindrucksvolles Zeugnis des Weges Gottes mit der Menschheit, besonders mit seinem Volk Israel. Wir gedenken unserer eigenen Taufe, die uns Anteil am Leben des dreifaltigen Gottes gegeben hat und begegnen schließlich dem Auferstandenen im österlichen Mahl der Eucharistie. - Die Nacht ist hell geworden wie der Tag, die Finsternis ist verwandelt in Licht.


Von der Redaktion veröffentlicht am 08.04.2009

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