Auszüge aus der Dissertation von Frau Dr. Christiane Koch über die Fußwaschung Jesu, fürs KirchenBlatt redaktionell bearbeitet von Klaus Gasperi.
Im Johannesevangelium (Kapitel 13) setzt Jesus souverän Zeichen des Abschieds
Im Wissen, dass „seine Stunde gekommen ist“, versammelt Jesus seine Jünger und setzt Jesus Zeichen seiner Liebe. In ihrer Dissertation hat Christiane Koch die Fußwaschung Jesu nicht so sehr als Akt des Dienens denn als Abschied eines Liebenden gedeutet, der seine Zuneigung noch einmal deutlich zum Ausdruck bringt.
Zunächst fällt die sorgfältige Erwähnung der vorbereitenden Maßnahmen auf: Jesus steht auf und legt das Obergewand ab. Dann umgürtet er sich mit einem linnenen Tuch und bereitet die Waschschüssel vor. Bereits das Aufstehen unterbricht den üblichen Gang des Mahles und signalisiert eine überraschende Entwicklung. Das An- und Ablegen des Obergewandes umklammert die nun folgende Szene der Fußwaschung, umklammert aber letztlich auch das ganze Passionssgeschehen, in welchem sich mit dem Würfeln um Jesu Gewand sein irdisches Schicksal besiegelt.
Ein Tuch verbindet
Die genaue Bedeutung des erwähnten linnenen Tuchs ist dabei etwas unklar: Es kann sich um eine Schürze, aber auch um ein Unterkleid handeln, das mitunter auch als Handtuch gebraucht wurde. Während die Erzählung ausdrücklich erwähnt, dass sich Jesus mit diesem Tuch „umgürtet“, wie einer, der von sich aus aufbricht und sich für ein Geschehen rüstet. Nach der Waschung legt Jesus dieses Tuch nicht mehr ab - es bleibt als Zeichen seiner Verbindung mit den Jünger/innen Teil seiner Kleidung!
Zu Tische liegen
Das Vorhandensein von Wasser und Schüssel für die Fußwaschung wird vom Erzähler gar nicht weiter erwähnt, sondern für selbstverständlich genommen. Die Reinigungsgegenstände machen den stillschweigend vorausgesetzten Hintergrund jüdischer Reinheits- und Lebenspraxis deutlich, wie er für das Johannes-Evangelium typisch ist. Der Gebrauch der Verben und die Position des Lieblingsjüngers Jesu „an dessen Brust“ lassen auf eine festliche Mahlgemeinschaft schließen, die zu Tische liegt, gestützt auf die linke Hand, wobei die rechte zum Ergreifen der Speisen freibleibt. Dies ermöglicht es Jesus, außen herum von Jünger/in zu Jünger/in zu gehen und ihnen die Füße von hinten zu waschen.
Das Sichtbar-Werden der Liebe
Die Erwähnung der Schüssel und des einen leinenen Tuchs lässt vermuten, dass Jesus für alle Jünger/innen dasselbe Wasser und das gleiche Tuch verwendet. Es geht hier also nicht um eine rituelle Reinigung, im Mittelpunkt steht vielmehr ein zeichenhaftes Geschehen. Schon Vers 1 nennt die Liebe zu den Seinen als Grundthema der ganzen Erzählung. Die Fußwaschung - auch konkret als körperlicher Ausdruck von Nähe - drückt hier diese Empfindung der Liebe aus. Das Geschehen ist dabei getragen von einer großen Souveränität Jesu: Er ist es, der von sich aus vom Mahl aufsteht und es ist „seine“ Stunde. Jesus erscheint also nicht als Getriebener oder Gefangener, sondern als Handelnder und geradezu als Herrschender. Wenn er das Obergewand ablegt, geht es nicht nur um eine praktische Maßnahme, damit er die Arme zur Arbeit freibekommt, er nimmt damit auch jenes Geschen vorweg, welches die Schergen des Pilatus später ausführen: „Sie nahmen sein Gewand und warfen das Los darüber“ (19,23).
Jesus bricht auf
Jesus steht vom Mahl auf und umgürtet sich, er ist damit gekennzeichnet als einer, der zum Aufbruch und für das Kommende bereit ist. Als solcher wäscht er den Jünger/innen die Füße, um ihnen seine Liebe zu bekunden. In der Antike zählt die Fußwaschung zu den Sklavendiensten, und zwar zu einem besonders niedrigen. Oft erfolgte die Inbesitznahme von Sklav/inn/en durch den erstmaligen Vollzug einer Fußwaschung.
Andererseits aber gilt die Fußwaschung im Kontext eines Mahles Heimkehrenden oder Fremden gegenüber als Ausdruck einer innigen Beziehung. Sie erscheint öfters als Zeichen der Begrüßung und der Einladung. Insbesondere dann, wenn die Fußwaschung von jemandem Bestimmten (von Kindern ihren Eltern gegenüber, vom Schüler an ihrem Rabbi) ausgeführt wird, erscheint sie als Zeichen intensiver, berührender Begegnung. Ausdrücklich wird auch das Abtrocknen der Füße mit dem linnenen Tuch erwähnt. Dieses Geschehen verweist nochmals zurück auf die Salbung Jesu in Betanien (Joh 12), wo Maria die Füße des Erlösers mit ihrem Haar abtrocknet, wie auch auf jenes skandalöse Mahl, bei dem die Sünderin Jesu Füße abtrocknet (Lk 7).
Ein Akt der Zugehörigkeit
Von der Fußwaschung an den Jünger/innen ist die Reaktion des Petrus deutlich abgehoben. In ihr wird auch das Empfinden der Gruppe insgesamt artikuliert. Die Abwehr des Petrus offenbart dabei ein fundamentales Missverständnis - der Liebeserweis Jesu wird nicht als solcher erkannt, sondern als niederer Sklavendienst missverstanden. Hier tut sich auch eine Kluft in den Zeitebene auf: Petrus versteht jetzt (auf der Ebene der irdischen Existenz) nicht, wird aber später erkennen (wenn er erst von Jesus getrennt und dann wieder mit ihm vereinigt ist). Es geht also um ein zukünftiges Anteil-Erhalten an der Person und Wirklichkeit Jesu, wie es auch in der Begegnung des Auferstanden mit Maria Magdalena am Ostermorgen zum Ausdruck kommt, wo die Verbindung die körperliche Ebene übersteigt (Joh 20): eine bleibende Verbundenheit, in der sich auch die geheimnisvolle Teilhabe Jesu am Leben des Vaters widerspiegelt. Petrus verfällt nun ganz ins Gegenteil und missversteht die Sache abermals - er will an Händen und Kopf, ja am ganzen Körper gewaschen werden. Jesus aber macht klar: Es geht nicht um eine wirkliche Ganzkörper-Reinigung, sondern um einen symbolischen Akt der Zugehörigkeit.
„Was ins Herz gelegt ist“
Mit dem Begriff der „Reinheit“ wechselt Jesus von der äußeren auf die innere Ebene. Nicht um Sauberkeit geht es ihm, sondern um Beziehung, um „Erfüllt-Sein von seinem Wort. Das Herz des Verräters aber ist voll vom „Verwirrer“ und „Zerstörer“ (13,2), es ist nicht mehr „rein“, dem heilenden Wort Jesu ist der Zutritt verwehrt, es findet keinen Raum mehr vor. Jesus erweist zwar auch dem Verräter das Zeichen seiner Liebe, dieses aber findet kein offenes Herz.
In der ausdeutenden Erklärung Jesu wird das Handeln der Jünger zurückverwiesen auf das Tun des Meisters. Es geht also nicht um die Aufforderung zur bloßen Nachahmung, sondern vielmehr um den Vollzug der Verbindung mit Jesus. Wer so wie Jesus handelt, der gewinnt Anteil an seinem Leben, an seiner Person. Im abschließenden Vers 20 wird die Mittlerrolle Jesu konkret formuliert, die den Jünger/innen zugleich Zugang zum Vater eröffnet: „Wer einen aufnimmt, den ich senden werde, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ In der Verbindung Jesu zu jenen, die er senden wird, eröffnet sich so der Zugang zum Vater. Die Fußwaschung stellt dabei - in der Situation des Abschieds - den Jünger/innen Wirken und Sein Jesu vor Augen und will sie ermutigen, auch in der Zeit des Getrennt-Seins das Wirken Jesu an seiner Statt fortzusetzen.
Christiane Koch, Redaktion Klaus Gasperi
Prof. Christiane Koch
lehrt Biblische Theologie an der Kath. Hochschule NRW in Paderborn
(aus KirchenBlatt Nr. 16/17 vom 24. April/1. Mai)
Von Marianne Springer veröffentlicht am 21.04.2011

