Die Studienreise des Katholischen Bildungswerks und des KirchenBlatts nach Israel hielt für die Teilnehmenden eine Vielzahl an unterschiedlichsten Eindrücken bereit.
Hans Rapp
Die Reisegruppe erreicht nach einem langen Reisetag das nordöstliche Ende des Sees Genezareth. Es ist Freitag Abend. Es ist dunkel geworden. Der jüdische Schabbat hat begonnen. Im Speisesaal des Hotels Kinar, dem "Stützpunkt" der Isreal-Reise von Katholischem Bildungswerk und KirchenBlatt in Galiläa, feiern etwa 200 orthodoxe jüdische Familien den Beginn des Schabbats. Die Männer haben ihre festliche Sabbatkleidung angelegt: schwarze Anzüge, weiße Hemden. Viele tragen ihre traditionelle Pelzmütze, den Straimel. Andere breitkrempige Hüte in unterschiedlichen Formen. Wieder andere nur ihre Kippa, ein kleines, rundes Käppi. Die Frauen tragen alle lange Röcke, viele auch Kopfbedeckungen oder Perücken. An den Tischen wird gelacht, gesungen und gebetet. Viele kleine Kinder werden von ihren Eltern versorgt. Das Hotel liegt nahe bei Tiberias und Safed, zwei der „Heiligen Städte“ Israels. Am Samstag Abend nach Sonnenuntergang wird der größte Teil das Hotel wieder verlassen haben. Sie reisen zurück an ihre Wohnorte, um am Sonntag Morgen wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Dass Israel ein Land mit vielen religiös streng praktizierenden Menschen ist, ist unübersehbar.
Ein modernes Land
Ein starker Eindruck am Anfang der Reise. Bereits auf der Busfahrt hatte Cfir Horew, der israelische Guide mit Münchner Wurzeln, auf die vielen unterschiedlichen Seiten des Landes Israel aufmerksam gemacht und auf die vielen Konflikte, die das Leben bestimmen. Israel ist ein hochmodernes Land, in dem die High-Tech-Wirtschaft blüht. Auf dem Weg vom Flughafen in Lod fahren wir an einem riesigen Fabrikkomplex vorbei, dem Hauptsitz des Weltmarktführers für generische Medikamente Teva. Es ist eine israelische Firma. Computerfirmen sind weltweit tätig und erfolgreich. 80% aller Diamanten weltweit erhalten in Israel ihren Feinschliff. Lediglich 14 Kilometer ist der Staat Israel an dieser Stelle breit. Eine Mauer grenzt ihn vom palästinensischen Cisjordanien ab. Jenseits davon kleben eng gebaute palästinensische Dörfer an den Hängen der Berge. Die Minarette der Moscheen ragen heraus wie Zeigefinger, die sich gegen Himmel richten. „Die Mauer wurde gebaut, weil vorher viele Palästinenser ungehindert die Grenze überqueren und sich in unseren Städten in die Luft sprengen konnten,“ erklärt Horew. Seither ist es ruhig. Die Selbstmord-Anschläge haben aufgehört. Ob das an der Mauer liegt oder an einer geänderten Politik Mahmud Abbas’, des Palästinenserpräsidenten in Ramallah, muss offen bleiben.
Ein ganz normales Land
Horew studierte in Heidelberg Philosophie. Er ist zum Judentum konvertiert und hat 24 Jahre in einem Kibbuz gearbeitet. Er schwärmt noch heute vom sozialen Ideal der Kibbuzgemeinschaft ohne privaten Besitz, von der Solidarität der Kibbuzniks und davon, dass im Kibbuz jedes Mitglied im Laufe der Zeit alle Arten von Arbeit verrichtet. Er selbst hat in seinem Kibbuz in der Nähe von Jerusalem sowohl Stalldienst geleistet, hat sich um die Herzkirschen gekümmert und war dann für die Finanzen des Kibbuz verantwortlich. Ihm ist es wichtig, der Reisegruppe zu vermitteln, dass Israel ein ganz normales Land ist, in dem die Menschen ein normales Leben führen möchten. Tatsächlich steht Israel in der Infrastruktur den europäischen Ländern nicht nach. In den letzten 15 Jahren wurde das Straßennetz großflächig ausgebaut. Autobahnen verbinden den Norden mit dem Süden, die Küste mit dem Bergland. In Jerusalem wurde eine Straßenbahn gebaut. Das Bildungssystem steht allen offen, israelischen Juden und Arabern. Das Wasser sei sauberer als in Deutschland, erklärt Horew stolz. Er muss es wissen, denn er war in seinem Kibbuz auch ein paar Jahre für das Wasser verantwortlich.
Eine Menge Probleme
Dass Israel eine Menge an Problemen zu lösen hat, ist auch Horew klar. Nichts kann seinen Optimismus jedoch beeinträchtigen. Dass es aber bald zu einem Frieden und Ausgleich mit den Palästinensern mit Syrien und Libanon kommen wird, daran zweifelt auch er. Dass die Sache aus der Sicht der Araber, Christen oder Muslime anders aussieht, macht das Gespräch mit Sr. Martha Bertsch aus Frastanz deutlich, die für den melkitischen Bischof Elias Chacour das Pilgerzentrum Abuna Faraj in Nazareth leitet. Die Araber fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. Insbesondere bei den Arbeitsplätzen werden sie gegenüber jüdischen Isrealis benachteiligt. „Es gibt viele Bürgerinnen und Büger in Israel, die sich benachteiligt und als BürgerInnen zweiter Klasse fühlen,“ wird Cfir Horew nachher im Bus bemerken. „Auch die Juden aus den arabischen Ländern oder die äthiopischen Juden fühlen sich benachteiligt“. Nichts ist in Israel einfach, überall scheint es zwei Seiten zu geben. Immerhin sind in ganz Israel alle Ortstafeln dreisprachig beschriftet: Hebräisch, Arabisch und Englisch. Nicht jedes europäische Land kann von sich behaupten, dass mehrsprachige Ortstafeln selbstverständlich sind...
Ein Leben zwischen allen Stühlen
Auch Faraj Lati, einem christlichen Palästinenser, den wir in Bethlehem treffen, ist die Lage der Araber im Westjordanland unannehmbar. Der Pädagoge, der in Bielefeld studiert hat, sieht es als seine Aufgabe, den palästinensischen ChristInnen in Palästina eine Perspektive zu geben und zu verhindern, dass sie auswandern. Dass viele junge und gut ausgebildete arabische Christen in anderen Ländern bessere Lebenschancen sehen, hat dazu geführt, dass die ChristInnen im Heiligen Land immer weniger werden. In Bethlehem, einer Stadt, die einst eine christliche Mehrheit hatte, leben heute nur noch 20% Christen. Sie stehen zwischen den Fronten. Da sie meist gut ausgebildet sind, ist die Gefahr, dass sie auswandern höher, da sie im Ausland leicht Stellen bekommen.
Als Christ in Israel
Professor Michael Krupp ist unkompliziert. 73 Jahre sei er alt und noch nie hätte ihn jemand zu einem Vortrag eingeladen, ohne ein Thema zu nennen, lacht er. Wir treffen ihn zu einem Gespräch in unserem Hotel in Jerusalem. Er lässt sich auch nicht aus der Fassung bringen, als wir eine Viertelstunde warten müssen, bis uns jemand einen kleinen Raum öffnet, in dem das Gespräch stattfinden kann. Er lässt sich darauf ein und erzählt von sich, vom Land Israel, das er nun schon seit 53 Jahren kennt. Michael Krupp ist evangelischer Theologe. Er hat eine jüdischen Frau, die aus Algerien stammt. Seine vier Kinder sind Juden und Jüdinnen. Seine Kinder leben zwar in Israel, aber nicht in Jerusalem. „Jerusalem ist ihnen zu heilig“, lacht er. Seit 1970 ist er in Jerusalem. Seine Frau wäre von sich aus nie nach Israel gezogen. „Algerische Juden haben es nicht so mit dem Zionismus“, schmunzelt er. Er sollte eine Stelle für das Gespräch zwischen Christen, Juden und Moslems aufbauen. Er hat dies getan und auch rabbinische Literatur an der hebräischen Universität unterrichtet. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein evangelischer Theologe die jüdische „Kernliteratur“ unterrichtet. Daneben hat er es vielen Theologinnen und Theologen ermöglicht, in Jerusalem an der Hebräischen Universität ein Jahr zu studieren. Das Gespräch zwischen Juden und Christen in Israel war ihm immer ein Anliegen.
Jesus würde heute in der jeminitischen Synagoge beten
Dass Jesus Jude war, ist ihm sehr wichtig. Jesus sprach Aramäisch. Das taten auch die jeminitischen Juden, unter denen er in Ain Karem, dem Dorf Johannes’ des Täufers, lebte. Krupps Kinder hatten ihre Bar-Mitzwa in der jeminitischen Synagoge. In diesen Synagogen gab es den Brauch, neben der hebräischen Lesung die Bibel auch in Aramäisch zu lesen. In der Sprache Jesu. Würde Jesus sich heute eine Synagoge zum Gebet aussuchen, würde er sich die jeminitische Synagoge aussuchen.
Das Hauptproblem sind die religiösen Juden
Die politischen Entwicklungen sieht Krupp eher negativ. Es ist schlimmer geworden. Die Mauer, die heute die Palästinenser von den Israelis trennt, sieht er nicht nur negativ. Immerhin haben die Sebstmordattentate seither aufgehört. Der tatsächliche Verlauf der Mauer ist allerdings nicht in Ordnung, da sie sich nicht an die international vereinbarten Grenze hält und teilweise sogar Dörfer durchschneidet. Sie schneidet etwa einen Drittel des ohnehin schon kleinen Palästinensergebiets ab.
Das Hauptproblem sind für Krupp in Israel aber nicht die Araber, sondern die ultra-religiösen Juden. Israel ist eines von drei Ländern weltweit, die soziologisch einen Zuwachs von Religiosität zu verzeichnen haben. Vom Baby bis zum Urgroßvater ist in den ultraorthodoxen Gruppen alles in den Synagogen beteiligt. Krupp hat große Sympathien für das Ultraorthodoxe Judentum. Für das Land stellen sie aber ein Problem dar, weil sie – ca. 15% der Bevölkerung – oft nicht arbeiten, sondern in religiösen Schulen und Akademien das Religionsgesetz lernen. Sie brauchen auch nicht in die Armee zu gehen. Das wiegt in einem Land, das sich in mehreren Kriegen selbst verteidigen musste, schwer. Sie haben aber viele Kinder. Er erzählt von einer Familie mit 15 Kindern und 74 Enkelkindern. Der Vater ist zehn Jahre jünger als Krupp. Die Mutter dieser 15 Kinder fiel in eine Depression als sie erfuhr, dass sie unfruchtbar geworden war. Kinderreiche Familien können zum großen Teil vom Kindergeld leben. Sie leben zwar bewusst bescheiden, doch liegen sie damit dem Staat auf der Tasche. Während diese Gruppe in den Anfängen des Staates nur eine winzige Minderheit von etwa 400 Personen darstellte, leben heute Zehntausende extrem religiöse Juden im Land. Wie das Land diese Herausforderung meistert, ist entscheidend für das Überleben Israels.
Viele Eindrücke
Am Freitag Morgen um drei Uhr steht die Reisegruppe beim wartenden Bus in Jerusalem. Wir brechen nach Lod auf, um zurück nach Europa zu fliegen. Es erwartet uns noch eine gründliche Sicherheitskontrolle. Die Reisenden sind voll von den unterschiedlichsten Eindrücken aus dem Heiligen Land. Sie haben Orte besucht, die vor 3500 Jahren geblüht haben und die heute nur noch als Steinhaufen Zeugnis der Vergangenheit ablegen. Sie sind einer Landschaft begegnet, die auf einer kleinen Fläche eine enorme Vielfalt enthält: Meer, Wüste, Quellgebiete, Schneeberge, Obstplantagen. Vor allem aber haben sie die Begegnungen mit den Menschen berührt und beeindruckt. Davon werden sie noch lange zehren.
Zwei Filme aus dem Gespräch mit Sr. Martha Bertsch finden sich auf youtube.com
http://www.youtube.com/watch?v=kDUFr8cA73A
http://www.youtube.com/watch?v=o98-9qne1uk&feature=relmfu
Ebenso zwei Aufnahmen aus dem Gespräch mit Prof. Michael Krupp in Jerusalem.
Von Hans Rapp veröffentlicht am 04.05.2012
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