Die österreichische Telefonseelsorge gibt es seit gut 50, den Jugendnotruf „Rat auf Draht“ seit 30 Jahren. Beide sind wichtige erste Anlaufstellen für Menschen in Krisensituationen. Damit das so bleibt, ist auch die Politik gefragt.

Wie es ist, wenn es so ist, kann man nicht ahnen. Man weiß es, weil man es selbst erlebt hat – oder man weiß es eben nicht. Wie es sich anfühlt, wenn da plötzlich kein Boden mehr ist unter den eigenen Füßen. Wenn das Leben um einen herum einstürzt wie ein schlecht konstruiertes Kartenhaus. Wenn sich dieses große, allumfassende Nichts breit macht, das keinen Halt kennt und keine Dimensionen.

Dann ist es gut, wenn da jemand ist. Der zuhört, nachhakt, hilft. In Österreich gibt es 800 Menschen, die so offene Ohren haben. Unter der kostenlosen Telefonnummer 142 sind die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ökumenischen Telefonseelsorge 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr erreichbar – seit 1966. In Linz startete die erste österreichische Initiative, ein Jahr später zog Wien nach und in den folgenden 20 Jahren auch die übrigen Bundesländer.

Immer und überall erreichbar

Das Jubiläum passiert zu einem interessanten Zeitpunkt, denn die Sache mit der Kommunikation sieht heuer schließlich ein bisschen anders aus als in den Sechzigern: Smartphone statt Festnetz, E-Mail statt Brief, Messenger statt Face-to-Face. Seit einem Jahr gibt es darum auch die Möglichkeit, über einen datenverschlüsselten Chat Kontakt zur Telefonseelsorge aufzunehmen, seit 2012 einen E-Mail-Dienst.

Die Themen, Fragen und Probleme, mit denen Menschen jeden Alters, jeden Geschlechts, jeden gesellschaftlichen Backgrounds auf den verschiedenen Kanälen auflaufen, sind allerdings dieselben: Es geht um Beziehungsprobleme und Einsamkeit, um Mobbing, Überforderung im Alltag, berufliche Probleme oder diese große, verrückte Welt. Psychische Probleme und Suizidabsichten sind zwei Bereiche, in denen die Beratungen in den vergangenen 50 Jahren zugenommen haben.

Erste Hilfe

„Das wertschätzende Zuhören der Telefonseelsorge-Mitarbeiter kann und soll eine Psychotherapie oder Lebensberatung nicht ersetzen“, betonen die Leiterinnen der Telefonseelsorge, Marlies Matejka (katholische Kirche) und Carola Hochhauser (evangelische Kirche). Mit entsprechenden Einrichtungen gebe es aber gute Kooperationen.

Der em. o.Univ.-Prof. Dr. Gernot Sonneck, Arzt, Psychotherapeut, Suizidologe, langjähriger Leiter des Kriseninterventionszentrums und ehemaliger Vorstand des Instituts für Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Wien schätzt den Dienst sehr: „Die Telefonseelsorge leistet enorm viel in der Krisenbewältigung. Die Anonymität über das Telefon – rund um die Uhr – erleichtert vielen Betroffenen, einen Erstkontakt herzustellen oder eine Überbrückung zu finden. Ärzte und Therapeuten könnten niemals 24 Stunden erreichbar sein und haben oft nicht die Zeit, so lange zuzuhören, wie sie gerne würden. “

Drei Ziffern, die Leben retten

Erfreulich ist laut Sonneck der massive Rückgang der Suizide seit Mitte der 80er Jahre – in Österreich um 40%, in Wien sogar um 60%. Selbst in der Wirtschaftskrise 2008 blieb Österreich als europaweit einziges Land vor einem Anstieg der Suizidrate verschont, 2016 war die Selbstmordrate die niedrigste seit 1946. „Das können wir ganz direkt dem dichten Netz an Präventionseinrichtungen zuschreiben. Die Telefonseelsorge hat daran einen ganz großen und unersetzbaren Anteil.“

Vor diesem Hintergrund ist ein zweites Jubiläum interessant – das 30. Bestehensjahr des Jugendnotrufs „Rat auf Draht“. Auch hier ist die Nachfrage kontinuierlich gestiegen – sowohl telefonisch als auch online, auch hier geht es um Gefühlschaos und Liebeskummer, um Probleme innerhalb der Familie, in der Schule, um Ausgrenzung, Mobbing oder den Wunsch, nicht mehr sein zu wollen. Unterschied: Die Finanzierung des Jugendnotrufs steht auf tönernen Füßen.

Die Retter retten

„Wir sind derzeit auf der Suche nach Geldgebern, nur so kann der Betrieb von 147 Rat auf Draht langfristig gesichert werden“, sagt Nora Deinhammer, Fachbereichsleiterin für Kommunikation und Fundraising bei SOS-Kinderdorf und Geschäftsführerin von „147 Rat auf Draht“. Die Arbeit werde größtenteils durch Spenden ermöglicht, die öffentliche Hand ziehe sich zunehmend aus der Finanzierung zurück. „Leider wird die Verantwortung zwischen den einzelnen Ressorts bzw. zwischen Bund und Ländern hin- und hergeschoben. Wir wünschen uns ein klares Bekenntnis der Politik, dieses wichtige Angebot für Kinder und Jugendliche in Not zu unterstützen und mitzufinanzieren“, so Deinhammer.

Im Notfall

Die Telefonseelsorge ist in österreichweit kostenlos rund um die Uhr zu erreichen – per Telefon unter der Rufnummer 142, online unter www.telefonseelsorge.at oder per Mail.

Der Jugendnotruf Rat auf Draht ist österreichweit kostenlos rund um die Uhr zu erreichen – per Telefon unter der Rufnummer 147 oder online unter www.rataufdraht.at.

Quelle: Telefonseelsorge / 147 Rat auf Draht / red