Wie gut Laientheater sein kann, zeigt sich immer dann, wenn man vergisst, dass hier keine Profis auf der Bühne stehen. So geschehen bei der Rankweiler Inszenierung des Felix Mitterer-Stücks "Jägerstätter". Das ist nicht nur Theater, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Und dafür gab es Applaus, Applaus und noch einmal Applaus.

"Sehr geehrte Frau Jägerstätter, (...) Aus dem Bericht des Gendarmeriepostenkommandos Ostermiething ist zu entnehmen, dass der Ehegatte Franz Jägerstätter wohl ein Gegner des Nationalsozialismus war, aber dass die gesetzte Handlung nicht als Einsatz für ein freies, demokratisches Österreich im Sinne des § 1, OFG/1947 zu werten ist. Er galt als schwermütig und äußerte vor seiner Einberufung zur Wehrmacht, dass er nicht für Hitler kämpfen werde. Diese Überzeugung entsprang nicht einem Abwehrwillen gegen den Nationalsozialismus für ein freies Österreich, sondern aus Gründen seiner Religionsanschauung.” So lautete die Antwort, die Franziska Jägerstätter noch 1948 - also gut drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs - auf ihr Ansuchen um Witwen- und Waisenpension für sich und ihre drei Töchter erhielt. Der Krieg war zu Ende und doch nicht vorbei. Und es ist dieses Zitat, das das Tor zur Gegenwart offen lässt, mit dem auch die "Jägerstätter"-Inszenierung auf dem Rankweiler Liebfrauenberg endet.

Geh weg mit dem "Nazi-Gedöns"

Franziska Jägerstätter bleibt allein. Sie ist fremd im eigenen Dorf. Und ihr Mann, Franz Jägerstätter, der dem Brüllen des NS-Regimes sein "Nein" entgegen hielt und dafür starb, schien allen fremder denn je. Deshalb ist es wichtig, dass Stücke wie Felix Mitterers "Jägerstätter" ihr Publikum finden. Es ist gerade heute wichtig, wo man doch vielerorts geneigt ist, sich endlich Ruhe vor diesem ganzen "Nazi-Gedöns" zu erbitten. Geschichte ist Geschichte, Deckel zu und aus. Schön wärs. Aber bis heute schwelen - mal mehr und mal weniger verdeckt - die Brandherde der Geschichte munter vor sich hin. Die Formen und Masken haben sich vielleicht geändert, die Mechanismen, die dahinter stehen, nicht.

Herausforderung mal zwei

Und deshalb ist es wichtig, dass ein Stück wie "Jägerstätter" realisiert wird. Das gelingt der Rankweiler Inszenierung übrigens definitiv. Unter der Regie von Brigitta Soraperra werden rund eineinhalb Stunden bestens gemachtes Theater ausgerollt. Und das will schon etwas heißen, denn die Vorarlberger Regisseurin wurde von "Jägerstätter" gleich doppelt herausgefordert. Zum einen ist da natürlich die Thematik des Stücks. Franz Jägerstätter, ein Bauer, Mesner und Familienvater aus Oberösterreich verweigert den Wehrdienst für das NS-Regime und wird dafür schließlich hingerichtet. Schon allein das ist eine ordentliche Portion Gedankenmaterial. Und dann ist da noch die Herausforderung, dieses wichtige aber durchaus anspruchsvolle Stück mit Laiendarsteller/innen umzusetzen. Das soll in keinster Weise das eine gegen das andere aufrechnen. Aber es macht doch einen Unterschied, ob hier Frauen und Männer auf der Bühne stehen, die es berufsmäßig gewohnt sind, in immer neue Rollen zu schlüpfen, oder ob hier ein Ensemble steht, das nebenbei auch noch einem anderen Brotberuf nachgeht.

Chapeau, meine Damen und Herren!

Und um diese Spannung gleich aufzulösen: Brigitta Soraperra hat beide Herausforderungen bestens gemeistert. Will heißen: auf dem Rankweiler Liebfrauenberg wird man von einem Abend richtig guten Theaters erwartet, der oft vergessen lässt, dass hier größtenteils Amateur/innen auf der Bühne agieren. Nur zwei Beispiele. Sepp Gröfler, der von Montag bis Freitag die Vorarlberger Telefonseelsorge leitet, gibt in Rankweil einen authentisch rebellisch-sturen Franz Jägerstätter. Andrea Zimmermann, die sich als Franziska Jägerstätter zwischen Hoffnung, Kompromiss, Glaube und Verzweiflung zerreißt, steht eigentlich tagein tagaus als Ärztin an Krankenbetten. Und so ließe sich die Liste bis hin zur Statisterie fortsetzen. Sie alle spielen gut, sehr gut sogar. Allen voran natürlich die Solist/innen, die man in Rankweil durch die Bank gut besetzen konnte. Und es zeigt sich oft auch in den kleinen Szenen, wie sehr hier das eine oder andere schlummernde Schauspieltalent geweckt wurde. Das gilt beispielsweise auch für Hanno Dreher, der als Bischof von Linz eine unglaublich gute Figur macht - und das in einer undankbaren Rolle noch dazu. Aalglatt, nahezu perfide und hintertrieben lässt er Franz Jägerstätter, der das Spiel der Mächtigen gefährden könnte, fallen.

Das Drumherum

Soviel zum Spiel. Und der Rest? Der ist mehr als nur Rest. Der ist eine Zusammenschau an klugen Regieideen, straffen Spielzügen und einem Hand in Hand arbeitendem Leading-Team. Da ist zum Beispiel das absolut wandelbare und gleichzeitig so eindrücklich wie minimalistische Bühnenbild von Pascal Raich, der es versteht, den Platz vor der Basilika zu bespielen. Da ist die Lichtregie, die durchdacht immer wieder kleine Akzente setzt. Da sind die Kostüme, die wie ganz selbstverständlich die Handlung unterstützen und im Detail Berührendes entdecken lassen. So hat die Kostümbildnerin Andrea Knecht die Kleider der Kinder Franz Jägerstätter nicht einfach aus hellen Stoffen gefertigt, die sie von der eher dunkleren Masse abheben. Nein, sie hat den Stoff zuvor mit Zitaten aus jenen Briefen versetzt, die Franz Jägerstätter an seine Liebsten zu Hause schrieb. Das ist nur ein Detail am Rande, das zeigt, mit welcher Liebe hier gearbeitet wurde. Und dann ist da natürlich noch die Musik. Die gibt es gleich doppelt. Zum einen in Form eines Projektchores, der - unter der Leitung von Michael Fliri - mit Sequenzen nach Hugo Distlers "Totentanz" die Szenen begleitete und zum anderen durch die Live-Musik der Marke Arno Oehri. Der sitzt hoch über dem Geschehen und steuert zielsicher und mit absolutem Feingefühl die passenden Stimmungen zum Geschehen auf der Bühne bei.

Fehlt noch eine in dieser Aufzählung und das ist die Tänzerin und Choreographin Ursula Sabatin. Das größte Kompliment, das man ihr hier wohl aussprechen kann, ist, dass man die Arbeit, die hinter den so natürlich und selbstverständlich wirkenden Bewegungsabläufen auf der Bühne, nicht sieht. Und dieses Kompliment hat sie absolut verdient. Und wenn das Wetter gnädig ist, dann spielt natürlich auch die beeindruckende Naturkulisse bei diesem Freiluft-Theaterprojekt auf dem Kirchplatz der Rankweiler Basilika mit.

Gute Gründe für "Jägerstätter"

Warum sollte man sich "Jägerstätter" in Rankweil nun aber gönnen? Weil es allen Beteiligten gelingt, zu berühren ohne die Moralkeule zu schwingen. Weil es sich hier um einen Abend richtig guten Theaters handelt. Weil Regie und Spiel wirklich überzeugen und weil Stücke wie "Jägerstätter" auch Zeugen sein können. Zeugen dafür, was war und Zeugen dafür, wie leicht das, was war, fröhliche Urstände zu feiern vermag.

Dafür gab es natürlich Applaus, der ganz zu recht kräftig und begeistert ausfiel.

 

Termine

"Jägerstätter" wird noch am 19. /  23. / 24. / 25. / 26. und 27. August
auf dem Platz vor der Basilika in Rankweil gespielt.
Beginn ist jeweils 20.30 Uhr.

Bei schlechtem Wetter findet die Vorstellung im Vereinshaus in Rankweil (Untere Bahnstraße 10) statt.

Karten sind um 26 Euro zzgl. Vorverkaufsgebühren bei Musikladen Rankweil, Elektro Tschanett Rankweil, den Filialen der Volksbank Vorarlberg und an der Abendkassa erhältlich.

Tipp

Verfolgen Sie den Rankweiler "Jägerstätter" auch auf Instagram. www.instagram.com/basilikarankweil