Menschen vieler Kulturen und verschiedener Sprachen würden ähnliche emotionale Reaktion auf Hundekot und schmierige Politiker zeigen, wurde gleich zu Beginn der Psychologe Paul Rozin zitiert. Ein Satz, der bei den meisten TeilnehmerInnen des 13. Hospiz- und Palliativtags zu Gelächter führte. Und Lachen kann bei so einem "unappetitlichen" Thema sicher nicht schaden, auch wenn es manchmal fast im Hals stecken bleibt. " Zum Kotzen...!? Übelkeit und Erbrechen als Symptom" lautete der Titel der Tagung - von Jean Paul Sartre über Erbrechen und Ekel bis hin zur Scham.

Was geht mit Erbrechen meist einher? Genau - Ekel und Scham. Weil nämlich jedes Handeln von einer Emotion begleitet wird, erklärte die Soziologin Dr. Caroline Bohn. Oder wie es die "Expertin für Gefühle" zusammenfasst: "Was führt bei wem aufgrund welcher Gefühle zu welchen Handlungen?" Scham ist dabei ein hochsensibles Thema, weil es das "tiefste Innere" betrifft - das, worüber wir nicht sprechen möchten, weil es um unsere Würde geht. Und im Gegensatz zur Peinlichkeit, die situationsbezogen ist, trifft uns die Scham, weil es unsere Person betrifft. "Scham ist die Wächterin der Privatsphäre", erklärt Bohn und genau diese wird oft im Pflegealltag aufgrund von Routine oder Überforderung verletzt. Eine emotionale Sensibilisierung sei wichtig, spricht die Soziologin ihre Wertschätzung für in der Palliative Care Tätige aus, die mit einer hohen wertschätzenden Haltung und einem entsprechenden Klima dafür sorgen, dass Pflegebedürftige sich so wenig schämen müssen, wie möglich.

Körper, Identität und Status
Gleichzeitig müsse man sich aber im Klaren sein, dass es nicht nur die Körperscham, sondern auch die Identitätsscham und die Statusscham gebe. Während es bei der Körperscham um die unfreiwillige und schutzlose Entblößung des Körpers, aber auch Körperinhalte und -absonderungen geht, besteht bei der Identitätsscham der Wunsch als Person geachtet und respektiert zu werden. Wenn man Menschen aufgrund seiner (fehlenden) Bildung oder seiner Sprache verspottet, beschämt man ihn, so Bohn. Ebenfalls in die Tiefe geht die Statusscham, bei der sich eine Person als nicht mehr zur Gesellschaft zugehörig fühlt, weil er z.B. nichts mehr leisten kann. Eine Schamform, die nicht nur Pflegebedürftige Menschen betrifft, sondern auch Arbeitslose oder Pensionisten. Jeder Scham liegt das Gefühl zugrunde etwas vor den Augen anderer verstecken zu wollen, zeigt Bohn Gemeinsamkeiten auf.

Ekel überwinden
Was konkret in einem Körper vorgeht, wenn er sich erbricht, erklärte die Leiterin der Hospiz-Palliativstation in Innsbruck,  Dr. Elisabeth Medicus. Die Ursachenforschung und schnelle medikamentöse Linderung von Übelkeit sei unerlässlich, betonte Medicus und wies darauf hin, dass Übelkeit ein Schutzreflex des Körpers sei, der die Aufnahme schädlicher Stoffe verhindere. Etwas "philosophischer" ging es beim Vortrag des Palliativmediziners Dr. Harald Retschitzegger zu, der über "Jean Paul Sartre und der Ekel" referierte. Fremdes, Krankes, Unglückliches und moralisch Verwerfliches würden Ekel auslösen, führte Retschitzegger in das Thema "Ekel" ein. Ein Gefühl, das zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr zu einer eigenständigen Emotion wird, die kulturell geprägt ist. Professionell damit umzugehen bedeute die "ekelerregende" Situation zu meisten ohne etwas am Zugang zum Menschen zu ändern, denn das Überwinden schaffe Bindung und Vertrautheit.

Der Ekel mich nicht verlassen, er hält mich fest
Ein ganzes Buch, nämlich den Roman "Der Ekel" hat der Philosoph Jean Paul Sartre zu diesem Thema verfasst, in dem der Ich-Erzähler Antoine Roquentin über seinen konstanten Ekel schreibt. "Der Ekel mich nicht verlassen, er hält mich fest", zitiert Retschitzegger aus dem Hauptroman des Existentialismus. Die Ursache des Ekels ist darin die Sinnlosigkeit seiner Existenz, erklärt der Palliativmediziners die Freiheit des Individuums zu einem großen Thema des Buchs. Sartre sieht unser Sein als etwas zu Leistendes. Ist dies, aufgrund einer (schweren) Krankheit, nicht mehr möglich, entfremdet sich der Mensch von sich selbst, zeigt Retschitzegger Parallelen zu Palliative Care auf. Er spricht vom "total pain", dem "totalen Schmerz", der aus verschiedenen Dimensionen besteht: der körperlichen, der seelischen, der sozialen und der spirituellen. Um diese Symptome gut zu behandeln sei ein interdisziplinärer Zugang gefragt, spricht der Palliativmediziner aus Erfahrung. "Palliative Care ist die Praxis der Achtsamkeit und Bezogenheit, der Selbstsorge und der kleinen Geste", zitiert er die Philosophin Elisabeth Conradi. Konkret bedeute das:  Zuwenden statt wegsehen, auf die Selbstsorge achten, tätige Hilfe, Verlässlichkeit und Kompetenz, in Beziehung gehen. "Wir brauchen keine Suizidassistenz sondern eine sorgende Gesellschaft", spricht Retschitzegger vielen TeilnehmerInnen aus der Seele. 

Wo bleibt mein "ich"?
Auch der Pfarrer Dr. Erhard Weiher spricht sich für einen ganzheitlichen Ansatz aus, auch wenn am Anfang meist die medizinische Linderung des Schmerzes stehen müsse. Übelkeit habe Auswirkungen auf "mein Inneres", auf die Persönlichkeit, erklärt er und unterscheidet zwischen "den Übeln, Plural" und dem Übel. Während die Übel die Symptome sind, die man medizinisch behandeln kann, handelt es sich beim Übel um das Leid und die Bedrohung des eigenen Lebens - des "ganzen Ichs". Die Entwertung des Selbst greife tief in das Selbstwertempfinden ein und bedrohe die ganze Existenz. Und weil Menschen Krankheit und Sterben nicht nur auf körperlicher, emotionaler und sozialer Ebene verarbeiten, sei es auch wichtig die existentielle und spirituelle Dimension einzubeziehen, erklärt Weiher.

Spirituell aber nicht religiös?
Viele Menschen bezeichnen sich zwar nicht als religiös, sind aber spirituell, zeigt Weiher den Unterschied auf. Ein schwer definierbarer Begriff, der das innerste Selbst und das Weltempfinden betrifft. "Ich glaube jedem Menschen, das er aus einem inneren Geist heraus lebt, sein Leben gestaltet und damit auch Krankheit und Sterben zu bewältigen sucht. Dieser Geist ist seine Spiritualität", bringt der Pfarrer es auf den Punkt. Diese Spiritualität sei eine vorzügliche Quelle und ein wichtiges Medium für sein Selbstwert- und Weltempfinden - auch wenn der Patient über scheinbar banales wie die  Gartenarbeit spricht, die er nun nicht mehr bewältigen kann. Zu diesem inneren Geist in Resonanz zu gehen sei die Basis der spirituellen Begleitung, erklärt Weiher. Spiritualität beseitige zwar weder die Übel noch das Übel, sei aber bei der Stärkung des Selbstwertempfindens wichtig.

Einfach atmen
Stärkung war auch beim letzten Vortrag der Mentalcoachin Christiane Huber-Hackspiel ein wichtiges Thema. Im Stress gehe die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften verloren und man werde kopflos. Dann ist guter Rat teuer, den Huber-Hackspiel ganz umsonst gab: Sich klar werden, dass es nicht um "Leib und Leben" gehe, seinen Fokus oder die Perspektive verändern, bewusst auf seinen Atem achten und mit sich achtsam umgehen. Wichtig sei auch mit seinem "inneren Team" ins Gespräch zu kommen - egal ob das das innere Kind ist oder der Schweinehund. Rituale und Orte der Kraft helfen ebenso bei der Bewältigung von Stress wie eine Gefühlsbilanz zu ziehen.