Liebe - bis zum Tod. Wie der Alltag eines alten Paares aussieht, wenn der nahende Tod die Zukunftsperspektive ist, zeichnet der neue Film von Regisseur Michael Haneke in eindrücklicher Weise nach. Dafür wurde er mit der "Goldenen Palme" ausgezeichnet. Den Preis der Ökumenischen Jury erhielt der dänische Film "Jagten". Ein Film über sexuellen Missbrauch - allerdings aus der Perspektive eines unschuldigen Täters.

Im Zentrum der Handlung des Haneke-Filmes "Amour" steht ein alt gewordenes Ehepaar, das sich in berührender Weise in Liebe zugetan ist - erst recht nach einem Schlaganfall der Frau Anne (Emmanuelle Riva) und deren Angewiesensein auf ihren Gatten Georges (Jean-Louis Trintignant). Schauplatz des Filmes sind ausschließlich die eigenen vier Wände des Paares - eine Lebensrealität vieler alter Menschen.

In Cannes schon erfolgsverwöhnt

Mit der Auszeichnung für "Amour" erhielt Regisseur Haneke als erst siebenter Filmemacher ein weiteres Mal die "Goldene Palme". 2009 war er für "Das weiße Band" geehrt worden.

Es wäre "verlogen zu sagen, Preise sind mir wurscht", bekannte Haneke in einem Interview für die aktuelle Ausgabe der katholischen Wochenzeitung "Die Furche". Der Erfolg des letzten Films bestimme die Arbeitsbedingungen des nächsten. Und in Cannes ist der bei Wien lebende Filmemacher Erfolge gewohnt: Bereits sechs Mal wurde er zum Wettbewerb in Südfrankreich eingeladen und neben den beiden "Goldenen Palmen" mit weiteren Auszeichnungen bedacht: 2001 mit dem Großen Preis der Jury für "Die Klavierspielerin", 2005 mit dem Preis für die Beste Regie und mit dem Preis der Ökumenischen Jury für "Caché".

Als Grundfrage seines neuen Films "Amour" bezeichnet Haneke im "Furche"-Interview, "wie man mit dem Leiden des Menschen, den man liebt, umgeht". Das könne "eine bittere Angelegenheit" sein. Der Anstoß zum Film sei eine Begebenheit gewesen, "die in meiner Familie stattfand und mich berührte". Dementsprechend habe er als Drehort ein Appartement in Paris gewählt, das jenem seiner Eltern nachempfunden war - ohne dass er deren Geschichte erzähle, wie er hinzufügte. Herausgekommen sei ein Film mit der klassischen Einheit von Ort, Zeit und Handlung.

"Offen auch für religiöse Deutungen"

"Meine Filme sind offen für Interpretation, auch für religiöse", hatte der Regisseur einmal bei einem Gesprächsabend unter dem Titel "Im Kino beten lernen?" im Wiener Otto-Mauer-Zentrum gesagt. Haneke vertrat den Standpunkt, dass ein Film erst im Kopf des Zuschauers entstehe, die Bilder des Regisseurs seien lediglich die "Schanze", die zum "Absprung" in Imagination und Interpretation diene. Kunst, die diesen Namen verdient, sei deutungsoffen und stülpe dem Publikum keine wie immer geartete Botschaft über. Haneke sieht zwar Berührungspunkte zwischen Kunst und Religion, da der Mensch "Sehnsucht nach Transzendenz" habe und sich existenziellen Fragen nach dem Woher oder Wohin des Lebens nicht entziehen könne. Doch im Unterschied zu Glaubenstraditionen wolle Kunst "keine Antworten vorgeben". Ihr wichtigstes Anliegen müsse es vielmehr sein, nach der adäquaten Form für ihre Inhalte zu suchen und im Speziellen das Verallgemeinerbare darzustellen.

Ökumenische Jury

Der Preis der Ökumenischen Jury ging dieses Jahr an den Film "Jagten" des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg. Der Film handelt von einem engagierten Erzieher, der zu Unrecht beschuldigt wird, Kinder sexuell missbraucht zu haben. Da niemand daran zweifelt, ist er bald ohne Job, wird geschlagen und gedemütigt sowie zunehmend gesellschaftlich geächtet. Filmkritiker lobten das Werk vor allem wegen der schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers Mads Mikkelsen.

Der Preis der Kirchen geht seit 1974 an einen Film, der sich in besonderer Weise christlich-spirituellen Dimensionen der menschlichen Existenz widmet. Zu den bisherigen Preisträgern gehören die Regisseure Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Michael Haneke. Die sechsköpfige Jury wurde in diesem Jahr vom Schweizer Theologen und Filmpublizisten Charles Martig geleitet.

Ungewohnte Perspektive

Mit "Jagten" hat die Ökumenische Jury einen Film ausgezeichnet, der konträr zur öffentlichen Debatte über Pädophilie und Kindesmissbrauch steht. Die Fabel von dem zu Unrecht beschuldigten Erzieher Lucas, mit großer emotionaler Glaubwürdigkeit inszeniert und in der Hauptrolle von Mads Mikkelsen mit wachsender Verunsicherung gespielt, lässt über die Abgründe schaudern, die sich in einer alarmierten Gesellschaft auftun können.

Ein kleines Mädchen plappert im Kindergarten aufgeschnappte Sätze nach, die von den Erwachsenen als sexueller Missbrauch gedeutet werden. Die knappe Andeutung genügt, um einen beängstigenden Mechanismus in Gang zu setzen. Die Kindergärtnerin schiebt ihre Verunsicherung mit dem Verweis beiseite, dass Kindermund Wahrheit kund tut. Ihr Vorgesetzter verschanzt sich hinter dem formalisierten Verfahren, die Eltern der anderen Kinder erliegen der um sich greifenden Hysterie, Gerüchte, Unterstellungen und die Dynamik öffentlicher Vorverurteilung bauschen sich in Windeseile zu einem Sturm auf, der immer gewaltsamere Kreise zieht.

kathpress / red.


Von Patricia Begle veröffentlicht am 29.05.2012

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