In Bangladesch explodiert ein defekter Boiler in einer Textilfabrik. Dreizehn Menschen kommen dabei ums Leben, Dutzende sind verletzt. Solche Tragödien sind keine Seltenheit, trotzdem fühlen sie sich für uns meist fern, fast schon unvorstellbar an. Doch wie fern sind sie tatsächlich? Denn so viel steht fest: Wir stecken vielleicht nicht in der Haut der Betroffenen, wohl aber in deren Kleidung.

Das Problem europäischer Ware

Die Textilfabrik Multifabs stellt unter anderem Bekleidung für Aldi Süd (Hofer), Lindex und Takko her, so die Clean Clothes Kampagne (CCK). Zahlreiche europäische Firmen produzieren ihre Ware in sogenannten Billigproduktionsländern, gerade Bangladesch ist ein beliebter Standort in der Textilindustrie. Und das aus einem einzigen Grund: es ist eben billig. Arbeitsbedingungen, Bezahlungen und Sicherheitsvorkehrungen sind sehr viel niedriger als in Industrieländern. Und gerade Letzteres kostete Anfang Juli über zehn ArbeiterInnen das Leben.

Alle Jahre wieder

Dass immer wieder solche Unfälle passieren, ist nichts Neues. „Der Einsturz des Rana Plaza-Fabrikgebäudes 2013 mit über 1.100 Toten zeigte auf fatale Weise die Sicherheitsmängel von Textilfabriken in Bangladesch“, erinnert Gertrude Klaffenböck von der Clean Clothes Kampagne. Seitdem unterschrieben über 200 europäische und US-amerikanische Bekleidungsunternehmen ein Abkommen (Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh) um Sicherheitsmängel in Zuliefer-Fabriken in Bangladesch systematisch zu beheben. Daraufhin wurden in den letzten vier Jahren rund 100.000 Sicherheitsmängel in 1.600 Fabriken festgestellt. 77 Prozent der gemeldeten Mängel wurden bis dato behoben.

Was wie eine sehr gute Nachricht klingt, steckt trotzdem erst in den Babyschuhen: Denn auch die Fabrik Multifabs wurde 2014 und 2015 auf Mängel untersucht. Die Überprüfung von Boilern ist jedoch nicht Teil der Sicherheitsinspektionen, obwohl NGOs wie die Clean Clothes Kampagne wiederholt auf diese Lücke aufmerksam gemacht haben. Nach der Tragödie von Montagnacht fordern sie allerdings mit Nachdruck die Überprüfung auf weitere Gefahrenquellen auszudehnen. Dazu gehören neben Boilern auch Stromgeneratoren, Gasleitungen und Lastenaufzüge.

Sündenböcke oder Eigenverantwortung?

Die Polizei klagte laut Berichten der Zeitschrift „The Daily Star“ drei Personen an, die bei der Boiler-Explosion ums Leben kamen, den Vorfall verursacht zu haben. Die bangladeschische Menschenrechtsorganisation Ain O Shalish Kendra (ASK) berichtet, dass ArbeiterInnen das Management über den defekten Boiler informiert hatten, das Management diese Warnung aber ignoriert habe und die ArbeiterInnen aufgefordert habe weiterzuarbeiten.

„Den Verstorbenen die Schuld zu zuschieben ist der falsche Weg“, mahnt Gertrude Klaffenböck und fordert eine umfassende Untersuchung des Vorfalls und keine willkürlichen Beschuldigungen. VertreterInnen des Sicherheitsabkommens haben bereits ein Team von Ingenieuren mit der Untersuchung des Vorfalls beauftragt.

Die Schuld dem Individuum oder einer einzelnen Sache zuschieben klingt herrlich einfach, doch schlussendlich hat sich irgendwo jeder von uns die Frage zu stellen, was wir mit unserem Konsumverhalten zu Geschichten wie dieser beisteuern. Anstatt mit Fingern auf „defekte Gerätschaften“, auf „geldgierige Unternehmen“ oder „herzlose Geschäftsführer“ zu zeigen, gibt es auch die Möglichkeit, einen Schritt aus seinem eigenen Verhaltensmustern zurückzutreten und sich zu überlegen, ob man denn nicht selber etwas zu einer Besserung der Umstände beisteuern könnte.

Aller Anfang ist...gar nicht so schwer?

Dass viele Menschen bei einem solchen Gedanken schnell zusammenzucken und sich um ihr eigenes Wohl sorgen, ist sicherlich keine grundschlechte Eigenschaft, sondern eine verständliche Reaktion. Man möchte es im Leben ja gut haben, egal woher man kommt. Und vielleicht muss man ja gar nicht sein Leben komplett auf den Kopf stellen, all seine Kleidung verbrennen und sich der modernen Gesellschaft für immer versagen.

Schon ein paar Umstellungen, und sei es erst einmal nur im eigenen Konsumbewusstsein, können vieles verändern. Zusätzliche Hilfe findet man auf der Seite der Clean Clothes Kampagne, die zum Beispiel einen Firmencheck zur Verfügung gestellt haben, bei dem man herausfinden kann, wie fair die Arbeitsbedingungen nahmhafter Firmen sind. Auch Shoppingtipps, Hörbeiträge, Info- und Bildungsmaterialien können auf der Website abgerufen werden, es gibt die Möglichkeit, Petitionen zu unterschreiben und sich weiterzubilden.

Denn manchmal ist es vielleicht statt dem ersten Schritt zur Besserung... vielmehr der erste Klick.