„Breaking Boundaries“ – (Be-)Grenz(ung)en überwinden – das will heuer die TEDx Dornbirn, die am 15. Juli zum zweiten Mal stattfindet. Ein unausgesprochenes Tabu hat der Fotograf Ruben Salvadori, einer der Speaker, gebrochen, als er vor fünf Jahren zeigte, wie Fotografien in Krisengebieten entstehen.

Ein junger Palästinenser kniet vermummt vor einem Haufen mitten auf einer Straße in Ostjerusalem: Er hantiert mit einem Feuerzeug; offenbar ist es nicht so einfach, die Müllbeutel, Pappe und das alte Elektrogerät in Brand zu setzen. Von hinten kommt eine Frau in neonfarbener Schutzweste auf ihn zu. Sie beugt sich über ihn, macht ein Foto mit ihrem Smartphone. Sie sagt etwas, beide lachen.

Ein Konflikt im Brennglas

Auf den Bildern, die die umstehenden Fotografen später im Kasten haben, ist davon nichts mehr zu sehen. Stattdessen steht da ein junger Mann vor einem Feuer, dessen schwarzer Rauch bedrohlich zwischen ihm und den Umrissen einer Stadt aufsteigt. Sein Blick sagt: Mit uns ist nicht zu scherzen – der Nahostkonflikt, gebannt in einen einzigen Stereotyp.

Ruben Salvadori, ein Italiener, kaum älter als der Palästinenser vor dem Feuer, hat eher durch Zufall erfahren, wie das mit den Bildern aus Krisengebieten funktioniert. Der damalige Anthropologiestudent war an der Hebräischen Universität von Jerusalem eingeschrieben – und „nebenbei“ als Beobachter in einen der verworrensten Konflikte der Welt zu eingetaucht. Sein Werkzeug: die Kamera.

Die Beobachter beobachten

„Ich war ein doppelter Fremder“, sagt er in einem Video, das von einem seiner Vorträge gemacht wurde und auf seiner Website zu sehen ist. „Als neuer Fotograf in einem Trupp von Kriegsfotografen und als Anthropologe, der nicht anders kann, als zu beobachten.“

Die Ergebnisse seiner Beobachtungen hielt er 2012 in einer Bilderstrecke und einigen Videos fest, denen er den Namen „Photojournalism behind the scenes“ gab. Er traf einen Nerv: Wichtige Magazine auf der ganzen Welt druckten seine Bilder ab, eine Debatte über die „Echtheit“ von Kriegsfotos begann.

Dabei geht es hier weder um Authentizität, noch um Objektivität, meint Salvadori. „Objektivität und Authentizität sind zwei sehr verschiedene Dinge. Lange galten sie als Grundpfeiler des Journalismus. Aber was in meinen Augen viel wichtiger ist, ist Transparenz.“

Transparenz wagen

Jeder Journalist sei ein Mensch mit einer eigenen Meinung, eigenen Wertvorstellungen – und darum niemals objektiv, erklärt er mir per E-Mail. Es könne darum sinnvoll sein, zu wissen, welche politischen Ansichten jemand habe, um zu verstehen, warum er in welcher Weise über etwas berichte. Salvadori gefällt zum Beispiel, dass die Wochenzeitung „Die Zeit“ vor einer Weile begonnen hat, Reportagen einen kleinen Abschnitt hinzuzufügen, in dem vom Wie und Warum der Recherche berichtet wird: Wie oft haben sich Journalist und Protagonist getroffen, welche Reisen wurden unternommen, gab es weitere Unterstützer? „Es ist wichtig, den Menschen zu zeigen, was die Geschichte hinter einer Geschichte ist“, findet Salvadori.

Der kritische Konsument

Unsereins sei nämlich oft schlicht und einfach faul, wenn es darum geht, Nachrichten und Bilder kritisch zu prüfen. Salavadori sieht die Ursachen dafür vor allem in der schieren Masse an Inhalten, mit denen uns die diversen Kanäle im digitalen Zeitalter „versorgen“: „Da ist es eben am einfachsten, es sich in seiner Filterblase bequem zu machen und nicht mehr nachzufragen, ob es vielleicht noch andere, gegensätzliche Meinungen gibt oder welche Interessen ein Absender mit seiner Nachricht verfolgt. ‚Real‘ und ‚Fake‘ sind nicht die einzigen Kategorien, in denen wir denken sollten.“
Er wünscht sich Journalismus, der auch Platz hat für das Ungefähre, das Uneindeutige und die Komplexität von Situationen – nicht nur im Nahostkonflikt.  

Allerdings waren nicht alle seine Fotografenkollegen dort glücklich über Salvadoris Fotoprojekt. Obwohl sich die einen dankbar zeigten, dass die Weltöffentlichkeit erfährt, unter welchen Bedingungen sie arbeiten, fanden andere diese Art von Enthüllung nicht so lustig.

„Es ist halt ein verdammt hartes Business“, meint Salvadori. „Der Fotomarkt ist gesättigt mit billigen Bildern aus der ganzen Welt. Wer nicht mit echtem Sensationsmaterial aufwarten kann, hat kaum eine Chance, zu publizieren.“ Bilder, wie das des jungen Palästinensers zum Beispiel, das so verdammt gefährlich aussieht – obwohl vor Ort eigentlich alles ganz harmlos war. Auch, wenn das so pauschal natürlich auch nicht stimmt.

www.rubensalavdori.com

Ruben Salvadori bei der TEDx Dornbirn

Am Samstag, den 15. Juli, spricht Ruben Salvadori auf der TEDx Dornbirn über sein Projekt „Photojournalism behind the scenes“. Konferenztickets sind online zu 89,- Euro bzw. ermäßigt 49,- Euro erhältlich: www.tedxdornbirn.com