Boko Haram lautet der Name der islamistischen Sekte, die derzeit ganz Nigeria in Atem hält. Zahlreiche Anschläge, die mehrere hundert Menschen das Leben kosteten, gehen dabei auf ihr Konto. "So etwas hat Nigeria in diesem Ausmaß noch nie erlebt", erklärt der katholische Prälat Obiora Ike und ist sich sicher: "Eine regelrechte Christenverfolgung ist im Gang".
20 koordinierte Bombenanschläge an einem Tag und Kirchen, die in die Luft gesprengt werden - kein Wunder, dass sich die Christen in Nigeria nicht mehr sicher fühlen und über eine Flucht nachdenken. "Viele Gläubige sind nun traumatisiert. Sie trauen sich gar nicht mehr aus ihren Häusern, geschweige denn, in eine Kirche zu gehen", beschreibt Ike die derzeitige Lage in Westafrika.
Westliche Bildung ist Sünde
Seit Weihnachten beherrscht Angst die Menschen in Nigeria. Allein letztes Wochenende starben 180 Menschen bei einem Anschlag der Sekte. Boko Haram bezeichnete sich als Urheber der Bombenattentate auf Polizeistationen und andere öffentliche Einrichtungen in der Stadt Kano. Übersetzt bedeutet der Name der Sekte "Westliche Bildung ist Sünde". Ihr Ziel ist die Erreichtung eines radikalislamischen Gottestaates in Nigera. Der Rückhalt in der Bevölkerung ist laut Fachleuten aber eher gering. Boko Haram sei eng verwandt mit dem al-Qaida-Terrornetzwerk und lehne alles Westliche strikt ab, beschreibt Ike die Sekte.
Von Dauerkrisen und Religionsfreiheit
Angesichts der zahlreichen Anschläge befürchten kirchliche Hilfswerke nun eine Eskalation des Konflikts. "Wenn Nigerias Regierung nicht schnell Maßnahmen gegen die Terrorakte findet, wird sich die Krise zu einer schwerwiegenden Dauerkrise ausweiten", so der Präsident des deutschen Zweigs von "missio", Klaus Krämer. Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton verurteilte die Anschläge aufs schärfste und unterstrich, dass die Verfolgung religiöser Minderheiten "grundsätzlich falsch" sei . Religionsfreiheit sei ein Grundprinzip der Europäischen Union, für das die Staatengemeinschaft überall in der Welt eintrete.
Wie ein Lauffeuer!
Dass Boko Haram nicht nur ein Problem Nigerias ist, sondern sich wie "ein Lauffeuer auf die Nachbarstaaten ausbreiten" wird, ist sich der südafrikanische Politologe Hussein Solomon sicher. Die Zeit dränge und Nigeria habe nicht mehr viele Möglichkeiten, die islamistische Sekte Boko Haram dauerhaft zu schwächen. Solomon sieht nicht nur durch die Anzahl der Anschläge, sondern vor allem in deren Raffinesse eine drohende Eskalation. Die Anhänger verfügen zunehmend über militärisches Wissen, haben engen Kontakt mit Aqim - dem Ableger von Al-Kaida- und Al-Shabaab. Zudem sind ihnen viele Sympathisanten in der Liga der nigerianischen Politik und des Sicherheitsapparates sicher.
Sehr gut ausgebildet, vorbereitet und diszipliniert
Mit wem es die nigerianische Bevölkerung zu tun hat, wird klar, wenn man sich die Zahlen und Fakten rund um Boko Haram ansieht: Rund 4.500 Mitglieder zählt die Sekte - angesichts der 160 Millionen Menschen in Nigeria zwar eine verhältnismässig geringe Zahl, allerdings sind dies meist junge und reiche Muslime. Viele davon dürften ehemalige Mitglieder des nigerianischen Militärs sein, warnt Solomon und resümmiert ihre Eigenschaften: sehr gut ausgebildet, vorbereitet und diszipliniert!
Zum Standard-Interview mit dem südafrikanischen Politologen Hussein Solomon
Von Simone Rinner veröffentlicht am 26.01.2012

