Es ist fast ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet jene Lebensmittel vor Pestizidrückständen nur so strotzen, die Grundlage der „cleanen“ Ernährung des hippen Großsstädters sind. Eine aktuelle Studie kennt die dreckigen Details.

Eigentlich sind sie fast schon wieder out: Chia, Goji, Açai und all die anderen „Superfoods“, die vor einigen Jahren zuerst in amerikanischen Foodblogs auftauchten, dann ganz vorsichtig in europäische Reformhäuser einzogen, und inzwischen in jedem Discounter zu haben sind. Seit jeder weiß, wie man „Quinoa“ richtig ausspricht und dass die Goji-Beere vor lauter Vitamin C kaum stehen kann, ist die Sache buchstäblich gegessen. Wenn sich Hinz und Kunz zerstoßene Erdmandeln über sein Frühstück streuen kann – wo bitte bleibt da die Distinktion?

Hirse und Hagebutte

Denn allein darum geht’s: Um die Abgrenzung von der mitteleuropäischen Traditionsdiät aus Fleisch und Brot und Fett – und um ein ziemlich erfolgreiches Marketing. Die Kassen der Händler klingeln, weil sich das Gesundheitsversprechen „Superfood“ wahnsinnig gut verkauft. Und das obwohl sich die Wissenschaft den Mund fusselig redet, dass die meisten dieser Exotika nicht halb so vorteilhaft sind wie es einen der Hype glauben machen will. Goji? Enthält sogar weniger Vitamin C als jede stinknormale Hagebutte. Quinoa? In Sachen Eiweißgehalt kaum besser als Hirse – und die ist gerade einmal halb so teuer. Klar: Muss ja auch nicht einmal quer um den Globus geschippert werden.

Was viele Besseresser nämlich gern vergessen: Die Öko-Bilanz ihrer Beeren und Algen und Gräser ist oft hundsmiserabel. Das liegt an langen Transportwegen, einem oft alles andere als ressourcenschonenden Anbau (Ja, wir reden von Dir, Avocado…) und unmenschlichen Bedingungen auf den Plantagen in den ärmsten Regionen dieser Welt.

Pestizide und Schwermetalle

Ach ja, und noch etwas hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack: Bis zu 13 verschiedene Pflanzenschutzmittel wurden auf Goji-Beeren nachgewiesen, bei Chia- und Leinsamen gab es sogar Überschreitungen der gesetzlichen Pestizid-Höchstwerte. Ups!

Dr. Waltraud Novak, Pestizid-Expertin bei GLOBAL 2000 hat die entsprechende Studie gemeinsam mit der Arbeiterkammer Niederösterreich und der Menschenrechtsorganisation Südwind in Auftrag gegeben: „Diese sogenannten Superfoods werden unter der Annahme konsumiert, dass sie ausgesprochen förderlich für die Gesundheit und das Wohlbefinden sind. Was man sicher nicht auf solchen Lebensmitteln erwartet, sind Rückstände von gesundheitsgefährdenden Substanzen wie Pestiziden oder Schwermetallen. Doch genau diese haben wir bei unserem Test gefunden.“

Mehrere der nachgewiesenen Wirkstoffe sind in der EU aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zugelassen, weil sie beispielsweise das Erbgut verändern oder das Kind im Mutterleib schädigen können. In den Herkunftsländern werden diese Stoffe aber weiterhin verwendet.

Eine Frage der Herkunft

Das Blöde ist: Oft kennt man diese Herkunft nicht. Auch, wenn es gesetzlich nicht vorgeschrieben ist, den Anbauort auf der Verpackung anzugeben, sei diese Information unabdingbar, um eine informierte Kaufentscheidung zu treffen, findet Nowak: „Wer erwartet schon, dass beispielsweise Leinsamen, die wegen ihrer wertvollen Nährstoffe gleichwertig mit dem Superfood Chia-Samen wären, oft gar nicht aus Österreich sondern aus Russland oder Indien stammen?“ Sie und ihre Mitstreiter fordern darum einerseits bessere Kennzeichnungen – und zum anderen bewussten Konsum:„Eine ausgewogene Ernährung mit reichlich saisonalem Gemüse und Obst aus regionalem Bio-Anbau ist unschlagbar gut – für Gesundheit und Umwelt.“

Und wenn es doch Goji, Chia und Quinoa sein müssen, dann bitte mit Fairtrade-Siegel und Bio-Zertifizierung. Nur so seien Superfoods auch für Arbeiterinnen und Kleinbauern  in den Produktionsstätten verträglich.

Zum Weiterlesen

Vollständiger Test von GLOBAL 2000, Südwind und Arbeiterkammer Niederösterreich: PDF zum Download »
Broschüre der Arbeiterkammer Niederösterreich „Ernährungstrends unter der Lupe“: PDF zum Download »

Quelle: Südwind / red