Bei den achten Tagen der Utopie im Bildungshaus St. Arbogast werden noch bis Sonntag Utopien in die Wirklichkeit geholt. In Worten, Bildern und Klängen. Es kommt sogar vor, dass Projekte vorgestellt werden, die für die einen utopisch klingen, für andere aber längst zum Alltag gehören. Das macht Mut und Lust, selbst Unmögliches anzugehen.

Patricia Begle

Jagoda Marinić ist deutsche Schriftstellerin und Integrationsexpertin. Sie sitzt am Podium mit Renata Schmidtkunz und erzählt. Von ihren Projekten und ihrer Geschichte, von dem was sie antreibt und schreiben lässt.

Die Zeit ist reif

Vor fünf Jahren eröffnete sie in Heidelberg ein Integrationszentrum. 20 Jahre lang hatten Menschen dafür gekämpft, jetzt schien die Zeit dafür reif. Ein Paradigmenwechsel war im Gange, die Konzepte der Diversität, der Vielfalt, waren in der Gesellschaft angekommen. So entschied sich die Stadt Heidelberg dazu, in dem Gebäude für das Integrationszentrum - eine alte Fabrik - auch die Ausländerbehörde unterzubringen. Der Name für das Ganze? Welcome-Center.

Neue Ausrichtung

Seit dem Jahr 2012 bedeutet das für Nicht-Deutsche, die in Heidelberg leben - und das sind 52.000 Menschen aus rund 160 Ländern - dass sich ihre Wartezeit am Gang der Behörde völlig anders gestaltet. Während das Warten früher immer negativ besetzt war, können sie jetzt im Café bei Tee oder Kaffee mit anderen ins Gespräch kommen. Auch Organisationen, die Ankommende unterstützen sind vor Ort. Damit sind Institutionen, die andernorts meilenweit voneinander entfernt sind - nicht nur geografisch sondern auch von ihrem Interesse her - unter einem Dach und auch unter einer Ausrichtung: jener des Willkommen-Heißens.

Netzwerke verbinden

„Ich gehe durch die Stadt und ziehe Netze“, beschreibt Marinić einen Teil ihrer Arbeit. Mittlerweile ist die Liste der Vernetzten unglaublich lang: von Vereinen, in denen sich Nationen organisieren, über Studierende und Kulturschaffende bis zu kirchlichen und städtischen Einrichtungen. Ziel ist es, die Menschen zusammenzubringen und „zum Gemeinsamen zu verführen“. Die Räume lösen Impulse aus. „Jede Woche kommen sechs bis sieben Ideen, was man machen könnte“, erzählt Marinić. Bei Bedarf wird die Umsetzung der Ideen professionell unterstützt. Die Angebote reichen von Konzerten und Lesungen über Vorträge und Kurse bis zu Festen für die ganze Familie.

Gemeinsames finden

So gab es 2015 ein „End of Spring-Festival“, bei dem russische Mädchen ihre Kunst des Zöpfe-Flechtens an ukrainische weitergaben. 2016 wurde die internationale Ausstellung „Museum of broken Relationsships“ (Museum der zerbrochenen Beziehungen) nach Heidelberg gebracht - ein Thema, das wohl alle Menschen berührt und verbindet und deshalb große Resonanz fand. Dieses Jahr nahm Heidelberg zum vierten Mal bei den Internationalen Wochen gegen Rassismus teil. Im ersten Jahr wurden dazu acht Abende gestaltet, heuer waren es bereits 80. Die ganze Stadt machte mit - Kinos, Theater, Vereine, ...

Teilhabe statt Hilfsangebote

Die Integrationsarbeit geschieht auf Augenhöhe. „Zum ersten Mal hatten wir das Gefühl, wir sind gemeint, wir sind Teil dieser Stadt“, beschrieb ein Angestellter aus der IT-Branche die Wirkung davon. Er ist Mitglied der indischen Community und lebt seit vierzehn Jahren in Heidelberg. „Neun von zehn Vereinen hatten vorher noch nie mit der Stadt zu tun“, erläutert Marinić und verweist auf das Bedürfnis der Menschen nach Teilhabe. „Es ist leichter zu helfen als zu akzeptieren, dass ich da ein Gegenüber habe. Aber die Menschen wollen keine Hilfsangebote. Sie wollen Rechte, gleiche Teilhabe.“
Marinić plädiert für einen Perspektivenwechsel. „Es geht um die Integration von 80 Millionen Deutschen in die Jetzt-Zeit, in ein Land mit vielfältigen Biografien, in dem Menschen versuchen, gemeinsam zu leben.“

Weitere Informationen

Die Tage der Utopie finden heuer zum achten Mal im Bildungshaus St. Arbogast statt. Noch bis Sonntag werden in Vorträgen, Ausstellungen und Workshops Zukunftspläne geschmiedet.

www.iz-heidelberg.de
www.tagederutopie.org

Der Artikel erschien im KirchenBlatt Nr. 18 vom 4. Mai 2017.