„Über Grenzen hinauswachsen“ - diesem Titel stellten sich am vergangenen Samstag beim 15. Hospiz- und Pailliativtag im Kulturhaus Dornbirn rund 500 Mediziner, Psychologen, Seelsorger, Pflegekräfte und Ehrenamtliche – mit interessanten Erkenntnissen.

Charlotte Schrimpff

„Also, 30 Euro… nee. Ich bin dann nicht auf den Eiffelturm gefahren.“ Es gibt Grenzen, findet Felix Grützner. Grenzen, die auch dann noch gelten, wenn einem der Arzt rät: „Sie wollen nach Paris? Fahren Sie jetzt!“ und man weiß, was das bedeutet.
Felix Grützner ist so ein Patient – zumindest einen Vortrag lang. Beim 15. Vorarlberger Hospiz- und Palliativtag am vergangenen Samstag im Kulturhaus Dornbirn mimt er, eigentlich Lebenstänzer und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Palliativmedizin der Universität Bonn, den Konterpart zur klinischen Perspektive von Onkologe Dr. Holger Rumpold, Primar der Abteilung Innere Meditin II am LKH Feldkirch. Beiden geht es um die Fragen „Wie viel Zeit bleibt mir noch?“ bzw. „Wozu brauchen wir Prognosen?“ – also das, was Menschen beschäftigt, wenn sie eine Diagnose erhalten, die keine Heilung mehr verspricht.

Grenzen erkennen.

Diese existentielle Erfahrung ist eine Dimensionen, die das Team um Katharina Rizza vom Bildungshaus Batschuns im Sinn gehabt haben dürfte, als sie das diesjährige Programm des Palliativtages mit „Über Grenzen hinauswachsen“ überschrieb. Allerdings nicht nur: Ganz im Sinne der Interdsiziplinarität, die diese Veranstaltung ebenfalls im Titel trägt, kommen auch andere Grenzen zur Sprache: Die zwischen „Mindful“ und „Mind full“ zum Beispiel, also zwischen Achtsamkeit und Überforderung, die Psychotherapeut und Burnout-Experte Michael Harrer erläutert. Menschen in helfenden Berufen – das ist eine Binse – seien besonders anfällig dafür, die eigenen Grenzen immer wieder zu ignorieren – zum Wohl der anderen. Längst nicht überall gebe es schließlich Kolleginnen wie Manuela Juen, die sich als Sozialarbeiterin und Netzwerkerin in der „Sorgenden Gemeinde“ in Landeck darum kümmert, dass es allen so gut wie möglich geht – Pflegebedürftigen und Pflegenden. Gut 500 Mediziner, Pflegerinnen und Pfleger, Seelsorger und viele, viele Ehrenamtliche der Hospizbewegung hören, wie Harrer die verschiedenen Strategien zur Gesunderhaltung erklärt und üben mit ihm genau jene Achtsamkeit, die für das Erkennen von Grenzenübertretungen so wichtig ist.

Andere Spielregeln

Wobei man das mit den Grenzen nicht überall so absolut sehen dürfe, erklärt die Philosophin Dr. Natalie Knapp und zitiert Durs Grünbein: „In jedem Menschen platzt, wenn er stirbt, auf Erden ein weiteres All.“ Grenzerfahrungen seien selten durch jene klare Linien vom „übrigen“ Leben getrennt, die wir uns so gerne vorstellen, sondern vielmehr Wahrnehmungsräume, in denen andere Spielregeln gelten.
Keine einfachen, nein: „Das Leben lässt sich nur schwer erklären, das Sterben gar nicht“ weiß die Grazer Lyrikerin und gebürtige Dornbirnerin Maria Stahl. Zwei Jahre lang pflegte sie ihren krebskranken Mann und hielt im allerletzten Augenblick seine Hand. Ihre ruhige und ehrliche Lesung aus dem Bericht über diesen Abschied berührt. Weil sie nichts beschönigt und nichts verdammt – und Verena Zeisler mit ihrer Geige und Musik von Johann Sebastian Bach behutsame Kontrapunkte setzt.

Sinnsuche

Das – die offene Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten am Ende eines Lebens – könne ein Weg sein, mit solchem Leid umzugehen, erklärt Dorothee Bürgi, Psychologin aus der Schweiz. Auch, wenn Leid und Leiden im ersten Moment sinnlos erscheinen – sie müssten das nicht bleiben: „Oft sind es die Ruinen, die den Blick freigeben für den Himmel“ zitiert sie Viktor Frankl.

Paris, je t‘aime.

Vermutlich dürfte sich an diesem Tag, nach dieser Fortbildung so mancher achtsamer Blick in den Himmel gerichtet habe, der da sonnig, blau und gerahmt von den Farben des Herbstes über dem Dornbirner Kulturhaus stand. Vielleicht hat dabei auch mancher an Paris gedacht, an seine Silhouette mit dem markanten Turm. Die Auffahrt kostet laut aktueller Preistabelle übrigens nur 17 Euro… nur für den Fall.

(aus dem KirchenBlatt Nr. 45 vom 9. November 2017)