Die Frage einer solidarischen Kultur ist letztlich eine spirituelle Frage. Zu diesem Fazit kommt der Wiener Theologe Paul Zulehner in seiner Analyse der Krisensituation, in der sich nicht nur Europa, sondern die gesamte, eine Welt befindet. Zulehner plädiert unter anderem für eine Stärkung von Bildung und Erziehung, die "gerechtigkeitskompetente Menschen" zum Ziel hat.
Eine Tiefenanalyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisensituation hat der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Gesellschaft und Politik" vorgelegt. Die sich zuspitzende "neue soziale Frage", die sich in der "Erschütterung der bestehenden sozialen Verhältnisse" zeige, drohe nicht nur, Millionen Menschen in prekäre Verhältnisse abzudrängen, sondern zugleich auch den Frieden insgesamt aufs Spiel zu setzen.
Frieden ist gefährdet
Es seien nämlich gerade nicht der Terror und der Anstieg der Waffenproduktion allein, die den Frieden gefährdeten, so Zulehner, sondern die grassierende Arbeitslosigkeit und das "himmelschreiende Unrecht", das jenen Menschen geschieht, die den "Toperfordernissen" moderner Gesellschaften nicht entsprechen und "überflüssig" werden - wie etwa Sterbende, behinderte Menschen, Langzeitarbeitslose aber auch Kinder, für die im rasanten gesellschaftlichen Tempo kaum mehr Zeit bleibe. Verschärft werde diese Situation durch den Anstieg der Migration aus den Entwicklungsländern in die reicheren Länder etwa in Europa.
Der "Globalisierung der Freiheiten" müsse daher eine "Globalisierung der Gerechtigkeit folgen", so das Fazit des Pastoraltheologen. Silberstreifen am Horizont seien durchaus erkennbar - etwa in Form der Hospizbewegung, die sich um Sterbende kümmert, in gesetzlichen Regelungen zum Schutz von Behinderten und Langzeitarbeitslosen oder aber in Form verstärkter Lobbyierung für die Rechte von Kindern.
Bedarf an "gerechtigkeitskompetenten Menschen"
Positiv sei außerdem, dass der "Wunsch nach Solidarität" weiterhin hoch sei, so Zulehner unter Verweis auf Erhebungen in Österreich. Stand noch 1970 das "Gehorchen" ganz oben auf der Erziehungs-Agenda, so sei mittlerweile das "Teilen-Können" ein wichtiges Erziehungsziel geworden. Die Solidarität sei heute jedoch "gestuft": Es dominiere eine "Mikrosolidarität", die sich auf die "kleinen Lebenswelten" konzentriere - die "Makrosolidarität", die Ausländer bzw. Fremde in den Blick nimmt, sei hingegen schwach ausgeprägt. Es herrsche ein hohes Maß an Angst, die diese Tendenz einer "Entsolidarisierung" vorantreibe - Angst vor dem "eigenen Minderwert" und Angst, selbst "zu kurz zu kommen".
Um der Herausforderung dieser "neuen sozialen Frage" zu begegnen, plädiert Zulehner für eine Stärkung von Bildung und Erziehung, um "gerechtigkeitskompetente Menschen" zu bilden. "Als solidarisch soll ein Mensch gelten, der sich stark macht für einen offenen Zugang möglichst vieler in der einen und eins werdenden Welt zu den knapper werdenden Lebenschancen", so Zulehner. Weiters müsse der Dialog der Kulturen gefördert werden - ein "Migrationsstopp" sei der falsche Weg.
"Spiritualität der offenen Augen"
Lernen könne man in dieser Situation auch von der biblischen Botschaft, so der Theologe abschließend, denn die Prägung angstfreier Menschen und einer solidarischen Kultur sei schließlich "eine spirituelle Frage". Lernen könne man aus dem "in Europa lange Zeit wirkmächtigen Evangelium", das zugleich "eine unerschöpfliche Quelle für Solidarität und Gerechtigkeit" ist, etwa den Zusammenhang von Mystik und Politik: "Mystik und Politik, Kontemplation und Aktion, Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen."
So erschöpfe sich die biblische Botschaft laut Zulehner nicht in einem "moralischen Appell", sondern sie lehre eine "Spiritualität der offenen Augen", des "wachen Verstandes", des "mitfühlenden Herzens" und der "engagierten Hände". (kathpress)
Von Patricia Begle veröffentlicht am 18.07.2012

