Sie sind der Grundstein der Europäischen Union, wie wir sie kennen – die Römischen Verträge, unterzeichnet am 25. März 1957. Zur Feier ihres 60. Geburtstags trafen sich am Wochenende Europas Staats- und Regierungschefs in Rom. Auch Papst Franziskus richtete dort das Wort an sie.

Wertegemeinschaft EU

Es ist ein großes Wort: Die halbstündige Ansprache des Kirchenoberhaupts reicht von den Ursprüngen des europäischen Ideals bis in die Gegenwart und darüber hinaus. Franziskus vergegenwärtigt zunächst die Gemengelage, aus der heraus die Idee „Europa“ überhaupt entstanden ist: Mit Ende des zweiten Weltkriegs ist eine der blutigsten Epochen der Menschheitsgeschichte zu Ende gegangen. Der Schock saß tief – und ebenso stark sei der Wunsch gewesen, sich für ein neues, ein echtes und friedliches Miteinander einzusetzen. Das Fundament für das gemeinsame Engagement der Gründerväter waren Werte, die ihren Ursprung im Christentum haben: Menschenwürde, Gerechtigkeit, Freiheit, Achtung des Lebens, Toleranz, Solidarität und Frieden.

Fatales Vergessen

Der seither währende Frieden in unseren Breiten würde inzwischen allerdings als ebenso selbstverständlich betrachtet wie die Schmerzen und Wunden der Weltkriegsepoche immer mehr in Vergessenheit gerieten, so Franziskus. Beides sei fatal.

Geistige Offenheit ermöglichen

Weil es vielen Menschen an dem Bewusstsein für die ideellen Grundlagen der EU fehle und es den europäischen Institutionen oft nicht gelänge, auf Augenhöhe zu kommunizieren („affektive Kluft"), habe es der Populismus gegenwärtig so leicht. „Ohne eine echte Perspektive der Ideen wird man am Ende von der Angst beherrscht, dass der andere uns aus den festen Gewohnheiten herausreißt, uns die erworbenen Annehmlichkeiten nimmt, auf gewisse Weise einen Lebensstil in Frage stellt, der allzu oft nur aus materiellem Wohlstand besteht“, erläutert der Papst die Vorbehalte gegen Flüchtlinge oder weniger wirtschaftskräftige EU-Staaten. Der eigentliche Reichtum Europas sei hingegen immer seine geistige Offenheit gewesen und die Fähigkeit, sich grundlegende Fragen über den Sinn des Daseins zu stellen, so Franziskus weiter.

Geeint in Verschiedenheit

Um sich als Mensch Fragen nach dem „höheren“ Sinn und Wertgrundlagen stellen zu können, müssten jedoch zunächst die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt sein – ein Auskommen, Bildung und medizinische Versorgung; ganz im Sinne der Maslowschen Bedürfnispyramide. Europa könne das leisten, so der Papst – vor allem aus dem Verständnis einer solidarischen europäischen Familie heraus: „Es ist angebracht, sich vor Augen zu halten, dass Europa eine Familie von Völkern ist und dass es – wie in jeder guten Familie – unterschiedliche Sensibilitäten gibt, aber alle in dem Maße wachsen können, wie sie geeint sind. Die Europäische Union entsteht als eine Einheit der Verschiedenheiten und Einheit in den Verschiedenheiten.“

Krise als Chance

Zugleich fordert er die Staatsoberhäupter dazu auf, sowohl den runden Geburtstag als auch die Krisen der Gegenwart – die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Krise der Institutionen – als Aufforderung zum Innehalten und Nachjustieren zu begreifen: „Das Wort Krise hat seinen Ursprung im griechischen Verb „crino“, das untersuchen, prüfen, entscheiden bedeutet“, erklärt der Papst: „Unsere Zeit ist also eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen: es ist somit eine Zeit von Herausforderungen und Möglichkeiten.“

60 Jahre jung

So, wie er immer wieder darauf drängt, den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, tut auch er es zum Ende seiner Ansprache – ganz bildlich: „Aufgrund der allgemein längeren Lebenserwartung sieht man sechzig Jahre heute als die Zeit der vollen Reife an. Ein entscheidendes Alter, in dem man nochmals gerufen ist, sich zu prüfen“, so Franziskus. Man müsse sich entscheiden, die altersbedingten Beschwerden zu behandeln und neue Perspektiven zu entwickeln. Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen aber habe die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. (kathpress/red)

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