Wenn Geld plötzlich wertlos ist, Äste zur einzigen Wärmequelle werden und jeder grüne Flecken einer Stadt zum Garten umfunktioniert wird, dann ist Krieg. Am 2. Mai 1992 verhängten serbische Einheiten im Zuge des Bosnien-Krieges eine Blockade über den bosnisch-kroatischen Teil Sarajevos. Panzer und Granatwerfer wurden positioniert, die Strom- und Wasserversorgung gekappt und 380.000 Menschen waren gefangen. Einziger Hoffnungsschimmer war die Luftbrücke, die die notleidende Zivilbevölkerung ab dem 3. Juli 1992 drei Jahre aus der Luft mit dem Nötigsten versorgte. Genau vor 20 Jahren.

Bild rechts: Während der Belagerung der Stadt wurden rund 11.500 Menschen getötet

"Innerhalb kürzester Zeit waren die Parks für Feuerholz gerodet, und auf jedem freien Platz versuchten die Menschen, etwas anzubauen", erzählt Ismar Nesiren. Acht Jahre alt war der Bosnier, als die gut vierjährige Belagerung Sarajevos durch die bosnischen Serben begann. "Geld wurde von einem Tag auf den anderen völlig wertlos. Nur Lebensmittel und Brennstoffe konnten als harte Währung genutzt werden." Als serbische Einheiten im Zuge des Bosnien-Krieges am 2. Mai 1992 eine Blockade über den bosnisch-kroatischen Teil Sarajevos verhängen, Ausfallstraßen sperren und Panzer und Granatwerfer auf den umliegenden Bergen postieren, sind 380.000 Menschen gefangen. Die Strom- und Wasserversorgung ist gekappt, und auch Lebensmittel erreichen die Stadt nicht mehr.

U2: "Miss Sarajevo"
"Wir hatten kaum etwas zu Essen. Mein Vater nahm 30 Kilo ab", erinnert sich der heute 28-Jährige. Wenn Ismar Nesiren den U2- Song "Miss Sarajevo" hört, katapultiert ihn das in jene Zeit der Belagerung zurück. "In der Stadt musste das Leben weitergehen, und 'Miss Sarajevo' wurde gekürt. Die Models sahen alle aus, als wären sie magersüchtig. Dabei zeigte das nur den Allgemeinzustand der Bevölkerung." Am 3. Juli 1992, vor 20 Jahren, begannen die Vereinten Nationen, die notleidende Zivilbevölkerung aus der Luft zu versorgen. Die mehr als dreieinhalb Jahre, bis 9. Jänner 1996, dauernde Luftbrücke ist die bis dato längste in der Geschichte.

Das war das erste Mal, dass ich Pulver-Ei sah
Vom italienischen Ancona aus schaffen US-amerikanische, britische, deutsche, französische und kanadische Flieger fortan 126.000 Tonnen Lebensmittel, 14.000 Tonnen medizinische Hilfsgüter sowie Decken, Zelte, Planen und Gas- und Wasserrohre in die zerstörte Stadt. "Das war das erste Mal, dass ich Pulver-Ei sah", erinnert sich Ismar. Um die Verteilungspunkte für Nahrungsmittel zu erreichen, riskierten viele Menschen täglich, von Heckenschützen erschossen oder von Granaten getötet zu werden. Doch nicht nur die Wege zu den Ausgabeplätzen wurden zum lebensgefährlichen Spießrutenlauf für die Bewohner. Mehrfach starben Unschuldige bei Angriffen auf Märkte Sarajevos, während sie für Lebensmittel anstanden. "Der Nebel war unser bester Verbündeter gegen die Scharfschützen", erinnert sich Ismar. "Meine Familie hatte allerdings das Glück, nah an den Wasservergabestellen zu wohnen."

Sie setzten ihr Leben aufs Spiel
Doch nicht nur Bosnier, Serben und Kroaten lebten in ständiger Lebensgefahr. Auch die Besatzungen der Hilfsflieger setzten in diesem Konflikt mit jedem Einsatz ihr Leben auf Spiel. Die Größe der Hilfsgüter machte es unmöglich, sie einfach über Sarajevo abzuwerfen. Die Maschinen mussten auf dem Flughafen landen - der ständigen Gefahr ausgesetzt, von Scharfschützen aus den Häuserruinen abgeschossen zu werden. Als eine italienische Maschine zwischen die Fronten von Serben und Kroaten gerät und abstürzt, stellen die Italiener ihre Hilfsflüge ein.

Sarajevo-Landung
Piloten aus Deutschland reagieren, indem sie versuchen, ihre "Transall"-Flieger so lange wie möglich außerhalb der Reichweite von Handfeuerwaffen zu halten. Aus 6.000 Metern Höhe fliegen sie fast im Sturzflug den Flughafen an, um die Maschine dann kurz vor dem Boden abzufangen und steil auf der Landebahn aufzusetzen - ein Manöver, das als "Sarajevo-Landung" berühmt wird.

Luftbrücken gewährleisten Versorgung
Im Spanischen Bürgerkrieg und während der Schlacht um Stalingrad waren Luftbrücken zur gängigen militärischen Taktik zur Versorgung der eigenen Truppen geworden. 1948 nutzen die Alliierten sogenannte Rosinenbomber, um Westberlin aus der Luft zu versorgen und die Stadt nicht den Sowjets überlassen zu müssen. Wenn Ismar Nesiren in seinen Erinnerungen kramt, ähneln die Bilder, die er zutage fördert, sehr an die Erzählungen der Menschen aus Berlin: "Die Soldaten kamen in weißen Panzern, verteilten Schokolade und Kaugummi. Und ich sah das erste Mal einen Schwarzen."

"Symbol eines brudermörderischen Krieges"
Im kommenden Sepember findet in Sarajevo aus Anlass des Gedenkens an den Beginn des Bosnienkriegs vor 20 Jahren das diesjährige interreligiöse Assisi-Friedenstreffen statt. Termin für die von der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio getragenen Initiative ist der 9. bis 11. September. Der katholische Erzbischof von Sarajevo, Kardinal Vinko Puljic, hofft auf "das größte Ereignis des religiösen und politischen Dialogs seit dem Ende des Krieges".  Sarajevo sei "Symbol eines brudermörderischen Krieges", heute wolle die Stadt wieder ein Beispiel des Zusammenlebens sein, sagte Puljic im Frühjahr bei der Ankündigung des Assisi-Folgetreffens. (Quelle: kathpress)

Von Simone Rinner veröffentlicht am 06.07.2012

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