Die mittelalterliche Scholastik hat keine neue Bildtheologie entwickelt, sondern vielmehr versucht die vorhanden Positionen bzw. konziliären Entscheidungen systematisch auf den Punkt zu bringen. Im Vordergrund steht weniger die theoretische Frage der Bilderverehrung, sondern viel mehr die praktische, die bildpädagogische Perspektive, die im Zusammenhang der scholastischen Psychologie zum klassischen Topos vom dreifachen Zweck der Bilder wird, den Thomas von Aquin (und ebenso Bonaventura) so formuliert hat11:

1. „Zur Instruktion der Ungebildeten, die durch die Bilder gleich wie mit bestimmten Büchern unterrichtet werden (ad instructionem rudium).“

Beim ersten Zweck greift Thomas das Argument von Gregor dem Großen auf (biblia pauperum, Bibel der Armen) und stellt bei der Belehrung der Ungebildeten die Bilder auf dieselbe Stufe wie die Bücher.

2. „Damit das Geheimnis der Menschwerdung und die Beispiele der Heiligen besser im Gedächtnis behalten werden, wenn sie täglich vor Augen geführt werden (memoria).“

Bilder sind, auch angesichts der westlichen Bildskepsis, mehr als nur ein Entgegenkommen an die Ungebildeten oder an menschliche Bedürfnisse, sondern bekommen mit der ‚Memoria‘, der ständigen Erinnerung der Heilsgeschichte einen definitiven Stellenwert im religiösen Leben der Christen. Thomas geht nicht so weit, den Bildern sakramentalen Charakter zuzusprechen, was im Bilderstreit besonders umstritten war, verleiht ihnen aber einen existentiellen Rang für das Glaubensleben.

3. Um die Andacht anzuregen, die man durch das Gesehene wirksamer anregt als durch das Gehörte (ad excitandum devotionis affectum).

In seiner Wahrnehmungstheorie, der Lehre der geistigen Veränderungen, räumt Thomas von Aquin dem Sehsinn einen besonderen Rang zu und deshalb wird bei der Vermittlung der göttlichen Wahrheiten vor allem das Auge angesprochen. Es ist ein starkes psychologisches Argument für die Verwendung von Bildern.