Der Himmel als Wohnung Gottes und der irdische Tempel als reales Zeichen seiner Gegenwart auf Erden sind für die Bibel kein Widerspruch. Ein wirkmächtiges Bild, das Himmel und Tempel miteinander verbindet, stammt vom Propheten Jesaia: „Im Todesjahr des Königs Usija sah ich den Herrn. Er saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt. Die Türschwellen bebten bei ihrem lauten Ruf und der Tempel füllte sich mit Rauch.“ (Jes 6,1-4). Hier wird erstmals der Tempel auf Erden als Teil des Himmels beschrieben: Gott sitzt oben auf seinem himmlischen Thron, doch füllt unten der Saum seines Gewandes den Tempel aus.

Der Tempel wird hier zum Abbild des himmlischen Urbilds. Damit ist ein zentraler Gedanke der Theologie des Kirchenraums grundgelegt: Der Kirchenbau als Abbild des Himmels. Nicht jeder Baukonzeption liegt dieser Gedanke zwingend zugrunde, aber er zieht sich durch die ganze Geschichte der Kirchenarchitektur.

Die Bild des Jesaia verbindet nicht nur Himmel und Tempel als Saum des Gewandes Gottes, sondern beschreibt gleichzeitig die Vorgänge innerhalb dieser Einheit von Himmel und Tempel. Wenn die Engel oben „Heilig, heilig, heilig“ rufen, beben auch die Türschwellen des Tempels bei ihrem lauten Ruf und wenn alles von Gottes Herrlichkeit erfüllt ist, füllt sich auch der Tempel mit Weihrauch. Nicht nur das Gebäude selber, sondern auch das, was sich darin ereignet, wird mit dem Himmel verbunden.

Die Liturgie wird in solchen Bildern zur Teilnahme am Kult des Himmels, zum Abbild dessen, was sich im Himmel abspielt. Durch die Liturgie sind dann auch die Gläubigen nochmal in besonderer Weise mit den Engeln und Heiligen im Himmel verbunden. So ist es verständlich, dass das Gebäude selbst, in dem die Liturgie stattfindet, Zeichen des Himmels annimmt, die die Glaubensvorstellung bildlich unterstützen.