Das 20. Jahrhundert bringt Vieles, aber keinen neuen, einheitlichen Stil. Diese Zeit dürfte schlichtweg vorbei sein, wie auch die Pluralität der Gesellschaft sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Neue, moderne Formen des Kirchenbaus entstanden nach Ende des Ersten Weltkriegs und dann vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Architekten entwickelten völlig neue Formsprachen in einer großen Vielfalt, die sich nicht mehr auf einen Nenner bringen lassen. Der moderne Sakralbau ist derart vielfältig, dass bestimmte Richtungen, Tendenzen und regionale Unterschiede kaum zu bestimmen sind. Nahezu jeder Architekturstil der Moderne wurde auch im Sakralbau angewendet.

Einzelne Trends im 20. Jahrhundert:

  • Neue Materialien bestimmen im 20. Jahrhundert auch neue Kirchenbauten. Neue Baumaterialien sind vor allem Glas, Eisen, Stahl und Beton, die als bewusste und sichtbare Gestaltungselemente eingesetzt werden.
  • Tragender Baustoff ist meistens Beton, die Fassaden sind eher schnörkellos und die klassischen Bauformen (wie Basilika) treten in den Hintergrund.
  • Die Grundrisse werden immer vielgestaltiger vom Trapez über die Parabel als überdimensionale Apsis, welche den ganzen Kirchenraum erfasst, bis hin zu unregelmäßigen Grundrissen. Daneben wird immer wieder auf den Zentralbau zurückgegriffen in unterschiedlichsten Gestaltungsformen (quadratisch, kreisförmig, rechteckig, mehreckig usw.).
  • In einem neuen Liturgieverständnis – Messfeier als Feier der Gemeinde – rückt der Priester näher zum Volk und es braucht eine neue Anordnung des Altars. Die Bauformen werden ‚kommunikativer‘.

Es entsteht, katholisch wie evangelisch, ein reges Gemeindeleben, das von Gruppen und Bewegungen getragen wird, die ihre eigenen, kircheneigenen Räume brauchen. So gibt es eine Phase, in der Gemeindezentren mit manchmal multifunktionalen Kirchenräumen entstehen. Die Funktionalisierung der kirchlichen Räume hat aber auch Kritiker auf den Plan gerufen, die darin eine Unterordnung des Heiligen an wirtschaftliche Vorgaben oder sonstige Funktionen sahen. Neueste Kirchenbauten sehen eher wieder einen Raum vor, der allein für den Gottesdienst gedacht ist.

Zeltkirchen
Ein neues Verständnis von Kirche, das später auch im 2. Vatikanischen Konzil so formuliert wurde, war die Kirche als das wandernde Volk Gottes analog zum wandernden Volk Israel auf der Suche nach seiner Heimat, die die Kirche in der Moderne eigentlich verloren hat. Aus diesem Verständnis heraus sind nach 1945 viele Zeltkirchen entstanden in Anspielung auf profane Zeltformen, denen aber traditionelle Hinweise auf Transzendenz eher fehlen. Das Kirchengebäude ist mehr der Versammlungsraum der Gläubigen, die zu ihrem letztendlichen Ziel unterwegs sind.

Aufgrund der mangelnden Nutzung geht es heute mehr um Kirchenschließung. Neubauten entstehen nur noch dort, wo Gemeinden durch Zuzug wachsen - meist am Rande von Großstädten. Manchmal entstehen auch Neubauten, weil Kirchen aus den 60er oder 70er-Jahren wegen Baumängeln oder Beschädigungen ersetzt werden müssen. Ebenso kommt es vor, dass alte Kirchen nicht einfach renoviert, sondern nach modernen architektonischen Vorstellungen umgebaut werden.

Subjektive Wahrnehmung
Moderne Kirchenbauten spalten nicht selten die Besucher. Die einen sind froh, endlich in einer modernen, zeitgemäßen Kirche zu stehen ohne die alten Zöpfe. Anderen sind sie zu abstrakt, vielleicht ‚zu modern’ oder sie finden nicht das, was sie hoffen in einer Kirche zu finden. Meinrad Dufner schreibt: „Überhaupt lässt sich ein Verlust der religiösen Ästhetik beklagen. Sie wird landläufig durch frommen Eifer, der Symbol auf Symbol anhäuft, ersetzt. Kirchenräume werden zu katechetischen Schulräumen umfunktioniert. Es fehlt am großen Atem des Heiligen und Mystischen.“