Viele unserer religiösen Texte, nicht zuletzt weite Teile der Heiligen Schrift, sind großartige Literatur in vielfältigen Formen und Gattungen. Der stetige Gebrauch lässt sie vielleicht etwas abgegriffen erscheinen. Hinzu kommt die Gewohnheit des verknappten, auf das Informative reduzierten Sprachgebrauchs unserer modernen Medienwelt. Auch sprachliche Poesie ist Kunst und hat ihre sinnliche Wirkung, seien es die wieder zur Wirkung kommenden eigenen Texte oder die Begegnung mit Dichtern, die sich, und sei es auch kontroversiell, den wesentlichen Fragen des Lebens stellen. Letzteres gilt ebenso für die moderne Kunst, die sich nicht im Kirchenraum abspielt.

Unser religiöses Handeln ist weitgehend ein sprachliches Handeln. Im Gottesdienst wird gesungen und gebetet, bekannt und gefleht, gelobt und gepriesen, dargebracht und gewandelt. Es ist eine riesige Fülle sprachlicher Akte, die ohne ihre poetische Dimension nur mehr schwer nachzuvollziehen sind. Das Gefühl für die Poesie der religiösen Sprache ist uns etwas abhanden gekommen. Durch die Medien sind wir eine kurze, knappe, informative Sprache gewohnt. Wäre ein Gottesdienst im SMS-Stil noch ein Gottesdienst? Ein Gottesdienst in reiner Alltagssprache? Vielleicht schon, aber es ginge zweifellos sehr viel verloren. Wollen wir wirklich alles „verstehen“? Ganz ohne Geheimnis, ohne Zauber, ohne Poesie? Ohne das Große, das nie ganz in Worte zu fassen ist?

Immer wieder hört man die Klage, dass die Sprache in den Gottesdiensten für junge Menschen unverständlich sei. Das mag schon sein. Hört man aber in die gängigen Computerspiele oder beliebten Fantasy Filme, wird nicht selten eine quasi-liturgische Sprache gesprochen. Hier herrscht manchmal Mythologie pur. Genau jene, die im Gottesdienst verpönt sein soll.

„Von Gott kann man nicht sprechen,
wenn man nicht weiß, was Sprache ist.
Tut man es dennoch, so zerstört man seinen Namen
und erniedrigt ihn zur Propagandaformel.“
Günter Eich

„Die Sanftheit, mit welcher der Priester das Evangelium rezitierte,
war schon die Predigt; das sanfte Vorlesen genügte.“
Peter Handke