Das Ende des 18. Jahrhunderts ist der Beginn der Moderne mit zwei epochalen Wenden: Die Aufklärung und die Französische Revolution (1789). Die Politik kommt nicht mehr von oben durch hierarchische Autoritäten von Gottes Gnaden, sondern es entstehen Republiken mit politischen Parteien, in denen das aufkommende Bürgertum über Politik debattiert und das Volk seine Regierung wählt, was natürlich so nicht lange gehalten hat. Der einzelne Mensch, das Individuum, rückt in den Vordergrund mit der Betonung seiner Freiheit und Selbstbestimmung.

Weltanschaulich lösen sich die Menschen im Zuge der Aufklärung zunehmend aus den vorgegebenen religiösen Systemen. Sich des eigenen Verstandes zu bedienen, eigene Orientierungen zu suchen und sich auch in Glaubensdingen selber zu entscheiden ist wichtiger, als sich in eine von oben gepredigte Glaubenswelt zu fügen. Gleichzeitig fällt der Mensch damit heraus aus der Geborgenheit der geschlossenen Welt des Barock. An die Stelle der alten Wertordnung treten verschiedene Ideologien. Hinzu kommen die Realität der beginnenden Industrialisierung, die damit verbundene Entstehung des Proletariats und neue Formen der Verarmung.

Bürgertum als Kulturträger aus dem Fundus
Die gesellschaftlichen Kräfte, die den Barock getragen haben, sind nicht mehr da, die Stilmittel verbraucht. Kirche und Adel sind aus ihrer Rolle als Kulturträger entlassen und damit steht erstmals nicht mehr der Kirchenbau an der Spitze der stilbildenden Aufgaben und verliert seine führende Stellung in der Architektur. Die Bürger werden zu den neuen Kulturträgern, aber diese Schicht ist in der Breite zu wenig gebildet, um neue Kriterien für einen gültigen Geschmack zu entwickeln (Entstehung des Kitsches).

Auch die Kirche war auf diese völlig neuen Entwicklungen nicht vorbereitet und fand auch, von Einzelpersonen abgesehen, keine adäquaten Antworten geschweige denn neue Reaktionsformen. Die Flucht nach hinten, die die Kirche antrat, findet nicht zuletzt im Kirchenbau des 19. Jahrhunderts seinen Ausdruck. Zu einem neuen Stil reicht die Kraft nicht mehr und so beginnt ein Jahrhundert, das eigentlich aus dem Fundus der Kunstgeschichte lebt.

Klassizismus
Klassizismus bezeichnet als kunstgeschichtliche Epoche etwa den Zeitraum zwischen 1770 und 1840. Der Klassizismus ist die kunstgeschichtliche Epoche, die unmittelbar den Barock ablöste. Im Verhältnis zum Barock ist der Klassizismus ein bewusstes künstlerisches Gegenprogramm nach einem völlig verspielten Rokoko, das in seiner Kleinteiligkeit aufgegangen ist. Auf das Verspielte folgt nun wieder das Nüchterne, auf das Kleinteilige das Große, auf das Unüberschaubare das Klare, auf das Irrationale das Rationalistische. Der Klassizismus bringt als Gegenreaktion zum Barock aber nichts Neues, sondern basiert in der Architektur auf dem Formenkanon des römisch-griechischen Tempelbaus, lehnt sich teilweise aber auch an die italienische Frührenaissance an.

Die Theoretiker der Französischen Revolution sehen im bewussten Gegensatz zur vorangegangen Bauweise des Absolutismus in romantischer Verklärung die römischen Bürgertugenden in der Architektur der römischen Antike. Kurz darauf wieder entdeckt Napoleon in einer Staatskunst, die sich am antiken Rom orientiert, die repräsentative Legitimation seiner eigenen cäsarischen Ansprüche. Mit der Antike konnte man alles machen. Das zeigt sich architektonisch gerade darin, dass antike Bauformen völlig losgelöst von ihrem Gehalt (z.B. als römischer Tempel) eher geistlos und nur sehr äußerlich nachgeahmt wurden. Kirchen, Museen, Rathäuser, Ausstellungsgebäude, Villeneingänge oder sogar Industriegebäude beginnen alle römischen Tempeln zu gleichen. Damit verliert sich weitgehend auch die sinnbildliche Bedeutung der Kirchenarchitektur, während das neugotische Woolworth-Kaufhaus von 1917 begeistert als „Kathedrale des Kommerzes“ bezeichnet wurde.

Subjektive Wahrnehmung
In der bisher verwendeten Kategorisierung ist die Wirkung klassizistischer Kirchen zweifellos wieder ‚objektiver‘, aber diesmal vor allem im Sinne von ,nüchterner‘. Viele dieser Kirchen wirken auf uns heute eher hallig, kalt und ohne allzu großen Charme und schon gar nicht ‚mystisch‘. Solche Kirchen müssen aus ihrer Zeit heraus verstanden werden und manchmal gibt es auch gelungene Beispiele späterer Vitalisierungen.

Architektonische Merkmale