Die Gegenbewegung auf die Gegenbewegung des Klassizismus war der Historismus und brachte ebenso wenig Neues. Man griff einfach auf ältere Stilrichtungen zurück und ahmte diese nach. Im Gegensatz zu früheren Epochen ist für den Historismus ein gleichzeitiger Stilpluralismus charakteristisch. Es wurden Architekturformen verschiedener Epochen imitiert, die als gleichwertig nebeneinander stehen. Gelegentlich wurden auch mehrere Stile in einem Gebäude gemischt; diese teilweise recht wahllosen Kombinationen nennt man Eklektizismus. Andere Bauwerke zitieren historische Motive, lassen sich aber keinem konkreten Stil zuordnen. Da der Historismus in Mitteleuropa ab 1860 größere Verbreitung erfuhr und er auch die Aufgabe erfüllte, die Repräsentationsbedürfnisse des in der Gründerzeit reich gewordenen Bürgertums zu befriedigen, wird er manchmal auch als Gründerzeitstil oder Gründerzeitarchitektur bezeichnet.

Das Kopieren von Stilen
Viele dieser historistischen Kirchenbauten wollen einem Bedürfnis nach Innerlichkeit Rechnung tragen, greifen aber nicht wirklich die Tradition einer Kirche als Abbild des Himmels auf, sondern kopieren nur Formen, Funktionen und Techniken. Im Historismus scheint alles verfügbar und machbar, auch das theologische Programm. So wie relativ wahllos auf historische Architekturelemente zurückgegriffen wird, so grundverschieden sind auch die jeweiligen Ideen dahinter. Tendenziell war der Historismus eher eine Flucht in die vermeintlich ‚gute alte Zeit‘, in der es die Probleme der Neuzeit noch nicht gab.

Subjektive Wahrnehmung
So verschieden Kirchen der historistischen Zeit sein können, so ver-schieden ist auch ihre Wirkung, wobei sie generell nicht die Wirkung der von ihnen imitierten ‚authentischen‘ Kirchen erreicht. Für die Kirchenraumpädagogik ist es eine besondere Herausforderung, solche Kirchen wieder erlebbar zu machen, indem man versucht sie aus ihrer Zeit und Bedeutung heraus zu verstehen und sich bemüht, den Charme jeder einzelnen Kirche für sich zu entdecken.

 

Neugotik
Der früheste und wichtigste historistische Stil ist die Neugotik. In den 1840er Jahren wurde die Gotik immer mehr als Sinnbild einer Architektur der Bürgerfreiheit empfunden. Der Neugotik verdanken wir die Fertigstellung einiger im Mittelalter unvollendeter gotischer Kathedralen, und sie wurde gerne auch für repräsentative bürgerliche Bauten (Rathäuser u. a.) verwendet, da man die Epoche der Gotik (Spätmittelalter) mit der Blütezeit der Stadtrepubliken assoziierte (vgl. Wiener Rathaus, Wiener Votivkirche).

Neorenaissance
Da man die Renaissance vor allem als eine Blütezeit der Künste ansah, war die Neurenaissance der bevorzugte Stil für Theater, Opernhäuser und Museen (z.B. Wiener Staatsoper).

Neuromanik
Die Neuromanik entstand als nach 1870 in Deutschland der vermeintlich „französische“ Stil der Neugotik in Verruf kam und statt seiner die „deutschere“ Romanik propagiert wurde. Neben der romanischen greift der Stil auch auf die byzantinische Formensprache zurück.

Neobarock
Beispiele für Neobarock sind die Neue Hofburg in Wien und das Schloss Herrenchiemsee in Bayern. Das Zeitalter des Barocks war der Höhepunkt weltlich-monarchischer Macht, weshalb man staatliche Bauten gerne in diesem Stil errichtete.

Neorokoko
Neorokoko trat seltener im Bauwesen als in der Innenausstattung vor allem von Schlössern und Bürgerhäusern hervor. Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden etwa Schloss Schönbrunn und die Albertina (beide in Wien) mit einer dem Rokoko nachempfundenen Inneneinrichtung ausgestattet, wofür teilweise sogar authentisches Rokoko geopfert wurde. Ein besonderes Beispiel für Neorokoko ist das Schloss Linderhof (Ludwig II.).

Viele unserer Kirchen im Lande sind genau in dieser Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden und gehören damit dem Historismus an.