Der Ausgangspunkt der Gotik liegt in Frankreich, das durch sein starkes Königtum zur größten Macht Europas wird. In Deutschland zerbricht die Einheit von Kirche und Staat nach den langen Kämpfen zwischen Kaiser und Papst. Die Vorrangstellung Deutschlands bröckelt und die Fürsten erstarken gegenüber dem Kaiser. Italien löst sich nach dem Ende der Stauferkaiser überhaupt in Einzelstaaten (Stadtstaaten) auf, die sich selbst zerfleischen im Kampf zwischen den kaisertreuen Ghibellinen und den papsttreuen Guelfen. Der nordischen Gotik steht man in Italien eher fremd gegenüber und entwickelt in der Gotik schon die Grundlagen der Renaissance. So macht die italienische Gotik die Auflösung der Wandflächen in Strebepfeiler nicht mit, womit die Wandflächen für Fresken (Giotto usw.) erhalten bleiben, während in der französisch-deutschen Gotik nach der Auflösung der Wände die Blütezeit der Glasfenster anbricht.

Hochgotik
Der Übergang von der Romanik zur Gotik beginnt in Frankreich Mitte des 12. Jahrhunderts, in England um 1175 und in Deutschland um 1200 (Frühgotik). Die Orden, die auf dem Land auch den Ackerbau pflegen und in Klosterschulen die verschiedenen Künste vermitteln, spielen eine immer größere Rolle. Die zentrale politische Macht in Frankreich, die gesellschaftlichen Veränderungen durch das aufsteigende Bürgertum und die neue Philosophie der Scholastik (gedanklich-rationale Durchdringung des Glaubens, Thomas von Aquin und die Neuentdeckung des Aristoteles) führen zur Entwicklung der großen Kathedralen des 13. und 14. Jahrhunderts (Hochgotik).

Spätgotik
Das 14. Jahrhundert wiederum ist geprägt von Kriegen, Pest, materiellen Nöten, gescheiterten Kreuzzügen und einer zunehmenden Enttäuschung gegenüber den höfischen und ritterlichen Idealen. Gleichzeitig entwickelt sich als Gegenbewegung zur rationalen scholastischen Theologie die Mystik, die die persönliche Gotteserfahrung in den Mittelpunkt stellt. Viele Großbauten werden unvollendet eingestellt. In den beiden gleichzeitig entstehenden Bettelorden, den Franziskanern und den Dominikanern, entwickelt sich die schlichte, einschiffige Saalkirche als eine Art Predigerkirche für das gemeine Volk. Als neuer Bautyp bildet sich auch die dreischiffige Hallenkirche heraus, bei der im Gegensatz zur Basilika alle drei Schiffe gleich hoch sind. Kapellen für die Privatandacht entstehen und die gotischen Zierelemente werden immer verspielter (Spätgotik).

Licht und Fenster
Die Wände werden durch das Strebewerk zunehmend aufgelöst, womit zumindest nördlich der Alpen die Freskenmalerei an Bedeutung verliert. An deren Stelle treten die gotischen Glasfenster, was die Kathedralen heller macht und mit der besonderen Farbigkeit eine eigene Lichtmystik entstehen lässt. Säulen und in Kreuzrippen aufgelöste Gewölbe dienen als Rahmen und Strukturelemente für die großen Fensterflächen. Das Licht galt als etwas Immaterielles, das den himmlischen Sphären zugeordnet ist. Es leuchten ja auch die Gegenstände der Erde nicht, wenn sie nicht von oben beschienen werden. Abt Suger von Saint Denis (12. Jhdt.) hat sich dieser Lichtmystik theologisch gewidmet: „Das ganze Heiligtum ist von einem wundervollen, ununterbrochenen Licht erleuchtet, das durch die heiligsten Fenster eindringt.“

Die zierliche Gottesstadt
Theologisch gesehen versteht sich auch die gotische Kathedrale als himmlische Gottesstadt, als Sinnbild des Himmels, Abbild des himmlischen Jerusalems. Nur haben sich in der Zwischenzeit die irdischen Städte verändert und damit die zeitgenössischen Stadtvorstellungen. Das Stadtbild veränderte sich von burgartigen frühmittelalterlichen zur schmucken Marktstadt des Hoch- und Spätmittelalters. Dementsprechend hat sich auch die Vorstellung von der Gottesstadt seit der Romanik gewandelt. Man darf sich angesichts einer gotischen Kathedrale an die Vision des Evangelisten Johannes am Ende seiner Offenbarung denken: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. (...) Da entrückte er mich in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis. Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren.“ (Offb 21).

Vertikalismus und Strebewerk
Dennoch ist die Gotik nicht nur eine geradlinige Weiterentwicklung der Romanik. Markant ist der betonte Vertikalismus der gotischen Architektur und dem damit verbundenen Eindruck der Schwerelosigkeit. In der romanischen Architektur sind die Wände bestimmende Elemente, die für Stütze und Last stehen und nicht zuletzt die horizontalen Elemente (Decke, Gewölbe etc.) zu tragen haben. Die Tektonik, das sichtbare Zusammensetzen von Bauteilen zu einem Gefüge, war ein wesentliches Element der Romanik, klar aufgebaut, sichtbar statisch zusammen gefügt. Der wahre konstruktive Aufbau tritt in der Gotik völlig in den Hintergrund zugunsten der sinnbildlichen, symbolischen Erscheinung des Kirchenbaus. So groß und mächtig eine Kathedrale auch sein mag, so sind ihre Wände kaum mehr wahrnehmbar und damit werden die Wandstrukturen nahezu durchscheinend. Das Strebewerk, das den Gewölbedruck über Bögen und Pfeiler abfängt, ist weitgehend nach außen verlegt, sodass innen der Eindruck einer schwerelos aufsteigenden Höhe entsteht. Der Raum der Kathedrale wirkt damit, verbunden mit dem farbigen Licht der Glasfenster, jeder irdischen Schwere enthoben und führt die Gläubigen in eine völlig neue Welt der religiösen Empfindung. Die Kathedrale möchte den Himmel, die übernatürliche Transzendenz Gottes für die Sinne erfahrbar machen. Der ganzen materiellen Welt stellt die Kathedrale den Aufstieg zur immateriellen Welt entgegen. Die tiefe Gläubigkeit führt in dieser Zeit zu architektonischen Formen, die die Materie sublimiert, das Irdische und Schwere vergeistigt, die körperhafte Natur ins Göttliche aufheben will.

Die neue Qualität des Schauens
Diese Verbindung von religiösem Erlebnis und sinnhaftem Schauen erreicht in der Gotik eine ganz neue Qualität, das Schauen wird zu einer Art sakralen Kommunion. Die Nähe Gottes soll sinnhaft geschaut werden können und was im Gottesdienst geschieht macht der Kirchenbau gleichzeitig erlebbar. Diese Architektur ist Ausdruck neuer religiöser Qualitäten, die ab dem 12. Jahrhundert in den Vordergrund treten (vgl. Bernhard von Clairvaux): Das persönliche religiöse Erleben wird zu einem entscheidenden Faktor. Auf die Innerlichkeit, die Versenkung und Anbetung, die persönliche Andacht, das eigene psychische Erleben, würde man heute sagen, rückt stark in den Vordergrund und so entspricht der neu aufkommenden Mystik die Form des gotischen Kirchenbaus.

Subjektive Wahrnehmung
Die gotische Baukunst hat einen stärker ‚subjektiven‘ Charakter. Das Haus Gottes lockt an und möchte in sinnlicher Weise die Gläubigen verzaubern. Die Architektur zusammen mit dem Licht hebt die Seele gleichsam gegen den Himmel hinauf, während der Boden, die Erde, die Schwere vernachlässigt werden. Der Mensch ist klein in der großen Kathedrale, aber es zieht in hinauf und er erhält dadurch Größe. Gotische Baukunst ist in diesem Sinn pädagogischer als die Romanik und gleichzeitig äußerer Ausdruck der aufkommenden Mystik.

Architektonische Merkmale
Plastik und Malerei