Die Kirchen der Romanik waren massiv gebaut, mächtige Bollwerke. Nach der Völkerwanderung entstanden wieder geordnete Staaten, in der die weltliche und die geistliche Macht ihren Platz hatten. Die Gottesburgen, wuchtig und innen eher dunkel, waren der äußere Ausdruck dieser neuen Ordnung.

Mit der Gotik ab dem 12. Jahrhundert entwickelte sich ein völlig neuer Baustil, in dem riesige Kathedralen aus Säulen und Rippen gebaut wurden. Diese Bauweise erlaubte es nicht nur, immer noch höher hinauf zu bauen, sondern machte gleichzeitig die Mauern überflüssig, die keine tragende Funktion mehr hatten. Diese Entwicklung schuf Platz für große Fenster und damit entstand die Kunst der Glasmalerei. Anstatt an die Wände gemalt, wurden die biblischen Geschichten und Heiligenfiguren nun zu leuchtenden Bildern.

Die Gotik wollte der Sehnsucht nach dem Göttlichen einen mystischen Raum durch Licht schaffen. Licht wurde zur Bauidee der neuen Gotteshäuser. Das Licht galt als etwas Immaterielles, das den himmlischen Sphären zugeordnet ist. Es leuchten ja auch die Gegenstände der Erde nicht, wenn sie nicht von oben beschienen werden. Abt Suger von Saint Denis hat sich dieser Lichtmystik theologisch gewidmet: „Das ganze Heiligtum ist von einem wundervollen, ununterbrochenen Licht erleuchtet, das durch die heiligsten Fenster eindringt.“ Im Licht der gotischen Fenster sah er eine unmittelbare Erscheinung des Göttlichen.

Das Licht, so sah es die christliche Lichtmystik, verbindet die himmlische und die irdische Welt. Das Licht Gottes fällt auf die Erde und in besonderer Weise durch die Glasfenster in das Gotteshaus. Das Licht machte die Kathedralen heller und mit der besonderen Farbigkeit der Fenster verzauberte es die Menschen. Wenn sie aus ihren damals dunklen und rußigen Behausungen in die von farbigem Licht erstrahlte Kirche traten, war es wie ein Blick in den Himmel, eine mystische Verzückung.

Die Barockzeit hat dann wieder die Wände und vor allem die Decke mit dem Himmel bemalt und dafür brauchten sie helle Fenster und viel Licht. Erst die historisierenden Stile des 19. Jahrhunderts haben die farbigen Glasfenster wieder entdeckt und im 20. Jahrhundert, auch nach den Schäden des 2. Weltkriegs, haben einige Pfarren Mut gezeigt und modernen Künstlern, in Vorarlberg allen voran Martin Häusle, Aufträge erteilt, leuchtende Bilder in einer neuen Sprache zu schaffen.

Über die Jahrhunderte haben Künstler immer wieder in der Bildsprache ihrer Zeit versucht, dem Glauben eine leuchtende Form und Gestalt zu geben. Es sind Bilder, die Geschichten erzählen, Geschichten aus der Bibel oder von besonderen Heiligen. Auch wenn wir das Licht heute eher physikalisch verstehen, haben die Glasfenster eine besondere Kraft, wenn sie vom Licht angestrahlt werden, eine Farbigkeit, die uns berührt. Leuchtende Bilder kennen wir inzwischen eher von den Bildschirmen, doch es ist etwas anderes, wenn Sonnenlicht durch das gefärbte Glas dringt und Kirchenräume davon erfüllt werden. Es sind Bilder, Farben und ein Leuchten, das heute noch der Seele gut tun kann. 

Dr. Markus Hofer