Das II. Vatikanische Konzil hat sich mit christlicher Bildtheologie nicht mehr eigens beschäftigt. Fast versteckt aber, im VII. und letzten Kapitel der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium, finden sich Aussagen, die in diesem Thema kirchlich neu sind. In den bisherigen Auseinandersetzungen und Entscheidungen ging es nie wesentlich um Kunst als solche oder die Künstler als kreativ schaffende Menschen. Das Konzil legt aber ein eindeutiges Bekenntnis ab:

„Zu den vornehmsten Betätigungen der schöpferischen Veranlagung des Menschen zählen mit gutem Recht die schönen Künste, insbesondere die religiöse Kunst und ihre höchste Form, die sakrale Kunst. (SC 12212)“

Die Künstler werden nicht mehr gesehen als Handwerker, die im Auftrag der Kirche oder anderer gläubiger Auftraggeber Bilder und Plastiken herstellen zur Erbauung der Menschen. Das Konzil bekennt sich dazu, dass Kunst als solche ein schöpferischer Akt des Menschen ist, eine Veranlagung, die auch im Kontext der Schöpfung Gottes gesehen werden kann. Die Künstler, die ihrer schöpferischen Begabung nachgehen, sollen sich bewusst sein, „dass es dabei um ein Stück heiliger Nachahmung des Schöpfergottes geht“, formuliert das Konzil.

Das kirchliche Bekenntnis zur Kunst im II. Vatikanum ist sehr klar:

„Darum war die lebenspendende Mutter Kirche immer eine Freundin der schönen Künste. (SC 122)“

Hier wird ein Verhältnis auf Augenhöhe beschrieben. Die Kirche habe nicht nur die Künstler unterwiesen, sondern immer auch den „edlen Dienst“ der Kunst gesucht.

Bemerkenswert und bildtheologisch wichtig ist das kirchliche Bekenntnis zur Kunstgeschichte als Geschichte. In Kap. 122 heißt es, dass die Kirche „Wandlungen in Material, Form und Schmuck“ zugelassen habe, wie sie der Fortschritt der Technik im Laufe der Zeit mit sich bringt. Der Beginn des darauf folgenden Kapitels geht noch weiter:

„Die Kirche hat niemals einen Stil als ihren eigenen betrachtet, sondern hat je nach Eigenart und Lebensbedingungen der Völker und nach den Erfordernissen der verschiedenen Riten die Sonderart eines jeden Zeitalters zugelassen und so im Laufe der Jahrhunderte einen Schatz zusammengetragen, der mit aller Sorge zu hüten ist. (SC 123)“

Diese Erklärung ist durchaus auf dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts zu lesen, als immer wieder versucht wurde, einzelne Stilrichtungen als kirchlich verbindlich darzustellen (z.B. Nazarener) und auch die Missionierung der Völker mit einem westlichen Stildiktat verbunden war. Dieses Bekenntnis hat zwei zentrale Pointen, eine geschichtliche und eine gleichzeitige:

a. Die Kirche bekennt sich zur kunsthistorischen Entwicklung, in der es nicht nur um Wandel der künstlerischen Techniken oder des Publikumsgeschmacks geht, sondern um die „Sonderart eines jeden Zeitalters“, in der Kunst im Austausch mit der eigenen Zeit ist und daraus ihre spezifischen Formen und Darstellungsweisen entwickelt. Eine Kunst für alle Zeiten kann es nicht geben. Kunst hat demnach immer auch etwas Prozesshaftes, das nie aufhört.

b. Die Kirche bekennt sich zur gleichzeitigen Vielfalt der Kunst „in allen Völkern und Ländern“. So wie Kulturen und gesellschaftliche Lebensformen gleichzeitig sehr unterschiedlich sein können, soll und darf auch die Kunst diese Vielfalt wiederspiegeln. Eine Kirche in Afrika, in Asien oder Lateinamerika muss und soll nicht gleich aussehen wie eine Kirche in Europa und ebenso braucht in Österreich nicht jede Kirche der anderen zu gleichen.

Fast verborgen in Kap. 123 findet sich noch ein weiteres, sehr wichtiges Eingeständnis: Die Kunst „soll in der Kirche Freiheit der Ausübung haben“. Das ist wohl oder übel auch ein Zugeständnis zu einem gewissen Konfliktpotential. Im nächsten Kapitel nämlich werden die Bischöfe angehalten, Werke von Künstlern von Gotteshäusern fernzuhalten, „die dem Glauben, den Sitten und der christlichen Frömmigkeit widersprechen“. Selbstverständlich gibt es Werke, die in einem Sakralraum nichts verloren haben. Andererseits gab es immer wieder Werke, die erst nicht zugelassen wurden, später aber als große Kunstwerke galten. Die Bemühungen um eine gewisse Ordnung in den Gotteshäusern und das gleichzeitige Bekenntnis zur Freiheit in der Kunstausübung können Pole einer sehr fruchtbaren Auseinandersetzung sein, einer Auseinandersetzung, die nie ein für allemal beendet sein kann. Daraus ergibt sich ein fruchtbarer Prozess, der für beide Seiten essentielles Potential beinhaltet.

Das Konzil nimmt die Kunst als Kunst ernst. Die Bischöfe haben die „wahrhaft sakrale Kunst“ zu pflegen und zu fördern und sollen dabei „mehr auf edle Schönheit bedacht sein als auf bloßen Aufwand“. Selbstverständlich sind Begriffe wie „wahrhaft“ in diesem Zusammenhang vage und sehr deutbar. Doch folgt im selben Absatz eine klare Ablehnung, die die Wahrhaftigkeit konkretisiert: Die Bischöfe sollen auch Werke von den Gottesräumen fernhalten, die „künstlerisch ungenügend, allzu mittelmäßig oder kitschig sind“. Es geht dem Konzil tatsächlich um Kunst und deshalb sollen sich die Bischöfe von sachverständigen Persönlichkeiten beraten lassen. Ungenügende, mittelmäßige oder kitschige Werke können nämlich „das echt religiöse Empfinden verletzen“. Es ist zumindest eine mutige Aussage des Konzils, dass kitschige Bilder das echte religiöse Empfinden verletzen können.

Im Kap. 125 folgt noch ein innerkirchliches Korrektiv, das zweifellos aus historischen Erfahrungen resultiert:

„Der Brauch, in den Kirchen den Gläubigen heilige Bilder zur Verehrung darzubieten, werde nicht angetastet. Doch sollen sie in mäßiger Zahl und rechter Ordnung aufgestellt werden, damit sie nicht die Verwunderung der Gläubigen erregen oder einer weniger gesunden Frömmigkeit Vorschub leisten.“ (SC 125)

Die „gesunde Frömmigkeit“ für sich ist ebenfalls ein sehr vager Begriff, der aber im Kontext des vorhergehenden Kapitels gelesen werden muss. Auch mittelmäßige oder kitschige Werke können einer weniger gesunden Frömmigkeit Vorschub leisten.