Bei einem Heiligen, der zugleich Schutzpatron der Winzer wie auch der Abstinenzler ist, muss in der Rezeptionsgeschichte einiges drunter und drüber gegangen sein...

Markus Hofer

Verehrung und Brauchtum

Verehrung statt Widerstand
Vom Asket zum Weinpatron
Schwellentag
Beginn der Fastenzeit

Verehrung statt Widerstand

Es sei traurig und beklagenswert, schreibt Martins Biograf Sulpicius Severus, dass seine Gegner fast nur Bischöfe waren. Das Volk hatte ihn verehrt, von seinen Kollegen im Amt wurde er nicht selten angefeindet. Der asketische Gottesmann verweigerte die Rituale der Macht, die innerkirchlichen Anpassungen an die sich entwickelnde Staatsreligion. Er lebte das Evangelium in einer radikalen Form, die zunehmend unbequem wurde. So sehr ihn das Volk schon zu Lebzeiten als Heiligen verehrte, wurde er von seinen Widersachern ‚mit giftiger Schlangenzunge verwundet‘, wie sein Biograf schreibt. Martinus, wenn man ihn als Person ernst nahm, hatte etwas schwer Verdauliches, war eine Provokation, und seine Verehrung durch das Volk kirchenpolitisch eher ein Pulverfass. Dieser Erscheinung mussten irgendwie die Zähne gezogen werden. Dazu wurde ein nachhaltigeres Mittel entwickelt als den Widerstand: die Verehrung.

Vermutlich wurde diese Strategie tatsächlich erstmals am Beispiel des hl. Martin ausgebildet: Je mehr man einen unbequemen Gottesmann oder eine unbequeme Gottesfrau in aller Breite beginnt zu verehren und sie zur Würde der höchsten Altäre erhebt, umso harmloser werden sie. Umso ‚heiliger‘ solche Personen dann erscheinen oder präsentiert werden, umso weniger können sie noch Anstoß erregen, umso mehr verlieren ihre Ansprüche die Relevanz für unseren eigenen Alltag. Mit derart heiligen Menschen kann man sich wirklich nicht mehr vergleichen. Diese Strategie funktioniert in beide Richtungen. Der amtliche Klerus versöhnte sich in der geförderten Heiligenverehrung wieder mit dem Volk und gleichzeitig verschwanden damit die unangenehmen Vergleiche. Das Volk seinerseits verehrte weniger den spirituellen Gottesmann als zunehmend den heilsamen Wundertäter. Auch dadurch wurden die spirituellen Herausforderungen entschärft, die Ansprüche des Lebens nach dem Evangelium, und stattdessen fand man einen Wundertäter, zu dem man in eigenen Anliegen pilgern konnte.

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Der fränkische Nationalheilige

Die Verehrung in der nachrangigen „Erfolgsgeschichte“ des Heiligen hätte kaum prominenter ausfallen können. Der fränkische König Chlodwig I. ernannte den hl. Martin Anfang des 6. Jahrhunderts zum Nationalheiligen und Schutzherrn des Frankenreiches der Merowinger. Es ging sogar so weit, dass man ihn als Schlachtenhelfer instrumentalisierte, indem sein Mantel bei Kämpfen vorangetragen wurde. Seit der Merowingerzeit galt der Mantel als fränkische Reichreliquie, die in Paris aufbewahrt, aber bei Feldzügen mitgeführt wurde. Später kam er in die Obhut der Karolinger, die die Verehrung des hl. Martin erneut belebten und in die rechtsrheinischen, deutschen Gebiete brachten. Dieser Mantel hat bedeutende Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen. Lateinisch nannte man ihn die „cappa“ (Mantel mit Kapuze), woher einmal unsere „Kappe“ stammt. Die Palastkirche zur Aufbewahrung der „cappa“ wurde dann zur „Kapelle“ (lat. capella), die dort tätigen Geistlichen zu „Kaplänen“ (lat. capellanus) und nicht zuletzt nannte man auch noch die Musiker an diesen Kirchen zusammen „die (Musik)Kapelle“. Die Stadt Tours wurde bald nach dem Bau der Grabkapelle nach Rom zum bedeutendsten Wallfahrtsort der Spätantike und er blieb es auch durch das ganze Mittelalter. Grab und Kloster des hl. Martin wurden während der Französischen Revolution zur Gänze zerstört, wobei im späteren 19. Jahrhundert über der ehemaligen Stätte wieder eine Kirche errichtet wurde. Mit dem Wallfahrtsort Tours entwickelten sich auch viele Martinswege der Pilger quer durch das heutige Europa (vgl. www.viasanctimartini.com).

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Vom Asket zum Weinpatron

Die Patronate, für die der hl. Martin zuständig ist, sind legendär. Er ist der Patron der Soldaten, Kavalleristen und Reiter, Polizisten, Huf- und Waffenschmiede, Weber, Gerber, Schneider, Gürtel-, Handschuh- und Hutmacher, Tuchhändler, Ausrufer, Hoteliers und Gastwirte, Kaufleute, Bettler, Bürstenbinder, Hirten, Böttcher, Winzer, Müller, der Reisenden, Armen, Flüchtlinge, Gefangenen und der Abstinenzler. Weiter wurde er angerufen gegen Ausschlag, Schlangenbiss, Rotlauf und für das Gedeihen der Feldfrüchte. Er war tatsächlich Reitersoldat und damit ist die erste Reihe plausibel. Die Mantelteilung passt selbstverständlich zu den Bettlern, Armen und Flüchtlingen. Gereist ist Martinus anfangs viel und zum großen Asketen passen auch die Abstinenzler. Doch schon mit der Tatsache, dass derselbe Heilige für die Abstinenzler und die Winzer zuständig ist, beginnt die Ironie des Schicksals. Die vielen, weit verbreiteten Martinsbräuche haben kaum etwas mit seiner Person zu tun. Viele Bräuche sind älter als die dazu gehörigen Martinslegenden und andere wiederum sind überhaupt erst im 20. Jahrhundert entstanden.

Feuerbrennen und Laternenfest, Weintrinken und Weintaufen, Martinssingen, Gänseschmaus, Bettelbräuche, Liebeszauber, Faschingsbeginn – es gibt keinen zweiten Heiligen, der mit so vielfältigem Brauchtum in Verbindung gebracht wurde. Die Ursprünge dieser Bräuche haben aber letztlich wenig mit dem hl. Martin zu tun. Es beginnt schon mit der eigenwilligen Festlegung des Gedenktages. Normalerweise ist der Gedenktag von Heiligen ihr Todestag, und das wäre bei Martin der 8. November. Gefeiert wird stattdessen seine Grablegung, da er am 11. November in Tours feierlich beerdigt wurde. Die Hintergründe für diese Bräuche sind nicht wirklich im Leben des Martinus zu suchen. Dazu ist vorab auch klar festzuhalten, dass der Martinstag nicht zu einem Tag der Nächstenliebe und des Teilens wurde! Zumindest die allen bekannte Mantelteilung würde das nahelegen. Der von Anfang beliebte Heilige wurde im religiösen Brauchtum grundsätzlich verniedlicht, um nicht zu sagen domestiziert.

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Schwellentag

Viele Bräuche wurzeln darin, dass der 11. November schon früh als Schwellentag galt. Er steht für den Übergang vom Herbst zum Winter, von der bewegten Zeit zur Ruhezeit, vom Tageslicht zum künstlichen Licht, bei dem man nun arbeiten musste. Es ist ein alter Heischebrauch, dass an diesem Tag Buben von armen Familien um Holz für den anstehenden Winter betteln durften. Dabei sind auch Abfälle wie Stroh oder kaputte Körbe entsorgt worden, die manchmal gleich angezündet wurden. Es muss ein teilweise herber und feuergefährlicher Buben-Brauch gewesen sein, der im Bürgertum gegen Ende des 19. Jahrhunderts kanalisiert wurde bis hin zum Laternenumzug im Kindergarten. Lichterprozessionen oder Feuerbräuche sind grundsätzlich alt, gehen aber keineswegs zwingend aus dem Leben des Martinus hervor. Am Schwellentag wurden auch jene Tiere geschlachtet, die man aus Kostengründen nicht über den Winter weiterfüttern wollte und darum ging es den Gänsen an den Kragen. Mancherorts gab es aus demselben Grund auch das Martinischwein. Dieser Schwellentag war auch der Hauptzinstag der Bauern, an dem das neue Wirtschaftsjahr begann. Das Gesinde wurde ausbezahlt, Pachtverträge geschlossen und Steuern abgeführt. Umgekehrt konnten die Knechte und Mägde wie an Maria Lichtmess am 11. November ihre Dienstherren wechseln und deshalb gab es nicht selten Abschiedsessen oder es wurde gleich ein Teil des Lohns mit einer Gans beglichen. Auch Steuern wurden mancherorts in Gänsen beglichen. In Weingegenden kam dazu, dass nun der Wein in den Fässern lag, die angeheuerten Lesearbeiter entlassen und der erste Heurige probiert werden konnte. An diesem Punkt verbindet sich nun der 11. November mit einer anderen alten religiösen Tradition, die aber ebenso nichts mit dem hl. Martin zu tun hat.

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Beginn der Fastenzeit

Ab dem 7. Jahrhundert begann die Adventszeit am 12. November mit einer Fastenzeit ähnlich jener vor Ostern. Rechnet man von diesem Tag aus ohne die Samstage und Sonntage kommt man auf genau 40 Fastentage bis Epiphanie (Erscheinung des Herrn, Dreikönig). Weihnachten als Hauptfeiertag kam erst später auf (vgl. Ostkirche). Damit wird der 11.11. zum letzten Tag vor der ersten großen Fastenzeit und diese Tatsache spielte wunderbar zusammen mit den zu schlachtenden Gänsen, dem zu verabschiedenden Gesinde und dem fertigen Wein. Auf diese Weise wurde der hl. Martin mehr oder minder zufällig zum Patron der Winzer und Gänse. Schon Gregor von Tours, der vierzehnte Nachfolger des Martinus, fügte seiner Biografie Legenden hinzu, die den Weinpatron nahelegen und seine asketische Lebensform verharmlosen. Im Mittelalter kam noch die Legende auf, Martin, der nicht Bischof werden wollte und sich vor dem Volk versteckte, sei von Gänsen verraten worden. Damit war für den 11. November alles unter einem Hut und durch Legenden um den beliebten Heiligen abgesichert.

Verbunden hat sich das Ganze mit dem verständlichen Bedürfnis, kurz vor der Fastenzeit noch einmal ausgelassen auf die Pauke zu hauen, das Essen und Trinken noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Der 11. November hatte zweifellos eine dem Faschingsdienstag vergleichbare Bedeutung. Schon im 17. Jahrhundert gab es Schilderungen von Missbräuchen bis hin zur Klage, dass das „Fressen und Saufen“ teils bis in die Fasnacht andauere. So gesehen wäre der 11.11. dann tatsächlich der Faschingsbeginn. Vielleicht hat die erst im 19. Jahrhundert erfolgte Festlegung des Faschingsbeginns etwas mit diesem Missbrauch des Martinstags zu tun. Spätestens hier müsste dem großen Gottesmann im Himmel doch ein Lächeln über die Lippen kommen…

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