Die Darstellungen des heiligen Martin in den verschiedenen Epochen verraten einiges über die Art und Weise seiner Rezeption...

Zur Bildgeschichte (Ikonografie) des hl. Martin

Markus Hofer

Der prominente Kirchenmann
Der einfache Mönchsbischof
Das Bild der Mantelteilung
Der gebändigte Heilige

Der prominente Kirchenmann

Der Bau der ersten Kirchen unter Kaiser Konstantin war gleichzeitig die Geburtsstunde der christlichen Kunst. Riesige Innenwände standen zur Verfügung, die mit den malerischen Mitteln der Spätantike (Mosaike, Fresken) ausgestaltet wurden. Neben der repräsentativen Darstellung von Christus als Weltenherrscher und verschiedenen Szenen aus dem Evangelium, waren es sehr bald auch schon Heilige, anfangs vor allem die Märtyrer, die in diese Bildprogramme eingebunden wurden. In Tours dürfte der erste Zyklus mit Szenen aus dem Leben des hl. Martin bereits Ende des 4. Jahrhunderts entstanden sein, mit einem weiteren im 5. Jahrhundert. Erhalten sind beide leider nicht.

Als Rom in der Spätantike zunehmend an Bedeutung verlor, stieg vorübergehend Ravenna zur Hauptstadt Italiens auf. Ende des 5. Jahrhunderts eroberte der Ostgotenkönig Theoderich Italien und errichtete in Ravenna seine Residenz mit einer prächtigen Palastkirche, die heutige Kirche S. Apollinare Nuovo, die reich mit Mosaiken ausgeschmückt war. Theoderich der Große war allerdings arianischen Glaubens. Nach der Rückeroberung Italiens durch die oströmischen Truppen wurde seine Palastkirche dementsprechend umgestaltet und neu eingeweiht. Der Patron der neuen Kirche wurde kein Geringerer als der hl. Martin. Auf der rechten Längsseite ist ein langer Zug von Märtyrer in weißen Gewändern dargestellt. Angeführt wird dieser Zug vom einzigen Nicht-Märtyrer: dem hl. Martin, der gleichzeitig in einen Purpurmantel gehüllt ist. Der Purpurmantel war ursprünglich das Alleinstellungsmerkmal des römischen Kaisers und in der frühchristlichen Kunst wurde dieses Symbol auf Christus übertragen. Umso erstaunlicher ist es, dass im ältesten erhaltenen Bild der hl. Martin den Zug der Märtyrer in einem Purpurmantel anführt. Das mag einerseits ein Hinweis darauf sein, dass er versuchte wie Christus in der Nachfolge das Evangelium möglichst konsequent zu leben. Gleichzeitig steht er hier aber auch vor uns als der Anführer der nicht-arianischen (katholischen) Kirche.

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Der einfache Mönchsbischof

In den frühen Jahrhunderten der christlichen Kunst gibt es eine ganze Reihe von Zyklen, in denen Episoden aus dem Leben des hl. Martin dargestellt wurden, basierend auf der Biografie des Sulpicius Severus oder späterer Legenden. Er erscheint dabei als der verantwortungsvolle Bischof, als heilender Wundertäter oder Missionar des Glaubens. Den Höhepunkt dieser Phase bilden die großen Glasfenster-Zyklen in den gotischen Kathedralen, vor allem von Tours und Chartres. Der letzte große und gleichzeitig kunstgeschichtlich bedeutendste Zyklus stammt von Simone Martini, der um 1320 in der Unterkirche der Basilika San Francesco in Assisi auf der Basis von Sulpicius Severus eine eigene großformatige Bilderfolge entwickelte. Der Sieneser Simone Martini, Zeitgenosse von Giotto, Dante und Petrarca, war einer der bedeutendsten Maler der italienischen Gotik. In seinem Hauptwerk hat er die Szenen aus dem Leben des hl. Martin in die Lebenswelt seiner eigenen Zeit übersetzt.

In Einzeldarstellungen tritt der Heilige zuerst als der schlichte, einfache Mönchsbischof auf. In weiterer Folge spiegelt sich die kirchliche Sozialgeschichte in den verschiedenen Martinsbildern. Mit der zunehmenden Macht der Reichskirche wird auch der ehemalige Mönchsbischof immer monumentaler, prächtiger und aristokratischer dargestellt. Ab dem 14. Jahrhundert ist von den asketischen Anfängen kaum mehr etwas sichtbar.

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Das Bild der Mantelteilung

Die Geschichte der Mantelteilung entwickelt sich ab dem Ende des 10. Jahrhunderts zu einem eigenständigen Bildtyp. Martinus war ein Reitersoldat, doch sein Biograf erwähnt in der Erzählung nichts von einem Pferd oder dass er vor das Stadttor von Amiens geritten käme. Dementsprechend steht er vorerst gegenüber dem Bettler, mit dem er seinen Mantel teilt. Wenn dann ein Pferd dabei ist, ist er meist bereits abgestiegen. In der großartigen Holzdecke von St. Martin in Zillis (CH) gibt es zuerst ein Feld nur mit dem Pferd allein. Im nächsten Feld dann steht Martin vor dem sitzenden Bettler und zerschneidet den weißen Mantel. Sitzt er auf dem Pferd, ist in den Darstellungen oft das Pferd sehr klein oder der Bettler sehr groß. Bis ins Hochmittelalter zeigen die Bilder der Mantelteilung durchweg eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Martinus und dem Bettler.

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Der gebändigte Heilige

Im Laufe des 14. Jahrhunderts gab es hier eine zunehmend radikale Verschiebung. Während Glanz und Pracht des Rittertums schon zu verwelken begannen, wurde der hl. Martin ikonografisch immer mehr zum Ritter hoch zu Ross in immer eleganterer, vornehmer Kleidung. Die Augenhöhe zum Bettler verschwindet zunehmend und das Von-Angesicht-zu-Angesicht wird ersetzt durch ein aristokratisches Von-oben-herab. Es mehren sich sogar Darstellungen, in denen der Heilige dem Bettler nicht einmal mehr in die Augen schaut. Dabei kann der Ritter auch ersetzt werden durch einen stattlich gekleideten Bischof, der im Grunde nicht mehr teilt, sondern dem armen Bettler ein Almosen gewährt. Die Mantelteilung ist jetzt kein Ausdruck des gelebten Evangeliums mehr, sondern sinkt auf die Bedeutung eines caritativen Aktes ab. Endpunkt dieser Entwicklung sind dann die Einzeldarstellungen, oft als Skulpturen an barocken Altären, bei denen ein kleiner, meist verkrüppelter Bettler zu seinen Füßen kauert. In solchen Darstellungen verkommt der Bettler letztlich zu einem Heiligenattribut, um die Person des hl. Martin noch erkennbar zu machen. An diesem Punkt ist es dann auch kein Problem mehr, den Bettler schlichtweg durch eine Gans zu ersetzen.

Im 19. Jahrhundert treten vermehrt wieder Bildzyklen auf mit Szenen aus dem Leben des Heiligen. Eine nachhaltige Bildkraft erreichen sie aber nicht mehr. Künstlerische Höhepunkte der Ikonografie des hl. Martin sind neben den romanischen Malereien und den gotischen Glasfenstern der Freskenzyklus des Simone Martini und das Gemälde von El Greco in der ausklingenden Renaissance. Martin erscheint im Gewand eines jungen, spanischen Adeligen aus der Zeit El Grecos, während er mit dem nackten Bettler den Mantel teilt. Es ist zwar ein Geben von oben herab, aber in der eigenwilligen, langgezogenen Darstellung mit einer in den Himmel ragenden Sphäre, macht El Greco aus der Mantelteilung eine überragende Geste.

Die Bildgeschichte des hl. Martin beginnt mit dem einfachen Mönchsbischof, dessen Person und Taten als Ausdruck des radikal gelebten Evangeliums gelten. Auch wenn die Bilder ab dem 14. Jahrhundert äußerlich prächtiger werden, entfernen sie sich vom Ursprung des Heiligen. Übrig bleibt ein nobler Ritter hoch zu Ross, der ein Almosen abgibt oder ein feierlich gekleideter kirchlicher Würdenträger, der nur noch an den Attributen erkennbar ist – der Bettler und die Gans wurden austauschbar. Vielleicht war es das Brauchtum, das vieles von den Ursprüngen überlagerte. Sicher waren es aber auch die gewandelten gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die ursprüngliche Sprengkraft dieses Heiligen nicht mehr erkannt und ikonografisch nicht mehr weiterentwickelt wurde.

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