Mit einem wachsenden auch kulturellen Selbstbewusstsein des Christentums, wuchs das Bedürfnis, sich sichtbar zu machen und sich dadurch ebenso kulturell zu legitimieren. Noch war das Christentum im Vergleich zum religiösen Umfeld eine ‚unsichtbare‘ Bewegung. Lange Zeit schöpfte man gerade aus diesem Unterschied seine eigene Legitimität. Doch nun begann man sich zu vergleichen. Der Unterschied zu ‚den anderen‘ sollte nicht die Bildlosigkeit sein, sondern der Inhalt des eigenen Glaubens. Damit stieg zunehmend das Bedürfnis nach bildhafter Darstellung. Es waren zu Beginn vor allem Bilder, die Hoffnung vermitteln sollten, wobei vorhandene, spätantike Bildtypen übernommen und christlich interpretiert wurden wie die betenden Oranten oder der Schafträger als ‚Guter Hirte‘.

Eine nochmal völlig neue Situation entstand, als Kaiser Konstantin bald nach 313 mit dem Bau der fünfschiffigen Monumentalbasilika San Giovanni im Lateran begann und etwas später auch mit der ersten Peterskirche. Damit waren Tatsachen geschaffen, hinter die man kaum mehr zurück konnte. Bei diesen ersten Kirchenbauten war schon im 4. Jahrhundert an eine bildhafte Ausschmückung durch Mosaike gedacht. Es ist letztlich ein komplexer Prozess, der im 3. und 4. Jahrhundert christliche Bilder zunehmend selbstverständlich werden ließ. Mit der bildhaften Präsenz ihres Glaubens waren sie auch in der damaligen Kultur sichtbar gegenwärtig bis hin zur dominierenden Präsenz mit dem Kaiseredikt von 380, mit dem das Christentum zur Staatsreligion wurde.

Auf die zunehmende Historizität des Christentums hat Jean-Michel Spieser besonders verwiesen. Je mehr sich der christliche Glaube mächtig in der eigenen Gesellschaft und Kultur verankert, umso mehr drängt er nach der eigenen Geschichtlichkeit, nach einer Verankerung des eigenen Glaubens in der Zeit und der Geschichte. Der Bewegung geht heraus aus einem eher vagen, mythischen Raum hin zur Verbindung der Heilsgeschichte mit der konkreten Weltgeschichte. In den ersten frühchristlichen Bildzyklen wird gerade die Historizität der Ereignisse betont (z.B. in den Wundererzählungen) und wenn in Passionsdarstellung Pilatus immer prominent vertreten ist, verweist diese Darstellung gezielt auf die historischen Zusammenhänge. Was wahr ist und sich ereignet hat, soll man auch darstellen, um es damit zu bekräftigen. Bilder erinnern und bestätigen damit das Gesagte und Gehörte, machen es vertraut, wieder erkennbar und schaffen so Kohärenz und Kontinuität. Die Reduktion solcher Bilderzyklen auf die sog. ‚biblia pauperum‘, die Bibel für die Armen, die nicht lesen können, greift sicher zu kurz; es ging um mehr.

Nicht zuletzt tauchen im 4. Jahrhundert auch die ersten Bemerkungen auf, die das dem Glauben dienliche sinnliche Vergnügen an der Ästhetik der Bilderwelten betonen und die Darstellung Gottes als Stütze seiner Verehrung begreifen, vielleicht sogar als eine Form der Gottesbegegnung.