Diese Frage verdichtet sich aktuell im Blick auf das derzeit fast omnipräsente Jesusbild der Maria Faustyna Kowalska (meist kurz als Sr. Faustyna). Die polnische Ordensfrau (1905-1938) hatte wiederholt Visionen, in denen ihr Jesus erschien und die zentrale Botschaft der Erscheinungen war die Barmherzigkeit Gottes. In einer dieser Visionen erhielt sie den Auftrag, ein Bild Jesu malen zu lassen, das als Jesusbild von der Göttlichen Barmherzigkeit bekannt wurde mit der Unterschrift: „Jesus, ich vertraue auf dich.“ Im Jahre 2000 wurde sie von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen und ihr Jesusbild ist heute weltweit verbreitet wie kein anderes.

Da die Ordensfrau selber nicht malen konnte, engagierte der Orden einen Kunstmaler, der nach ihren Anweisungen das Jesusbild auf die Leinwand bringen sollte. Sie selbst war mit dem Ergebnis zwar nicht zufrieden, doch hörte sie die Worte: „Nicht in der Schönheit der Farben oder des Pinselstrichs liegt die Größe dieses Bildes, sondern in Meiner Gnade.“ (Tagebuch, 313)19 Auf der Sr. Faustyna gewidmeten Ordens-Homepage wird das so interpretiert: „Das beweist, dass Jesus sein auf dem Bild gemaltes Abbild akzeptierte. Er heiligte es durch seine lebendige Anwesenheit.“ Das erste Bild, das unter Beteiligung der Sr. Faustyna gemalt wurde, befand sich nach dem 2. Weltkrieg in der damaligen UdSSR, wo es versteckt werden musste. Aus Dankbarkeit für die Rettung seiner Familie in den Kriegszeiten, malte Jahre nach Sr. Faustynas Tod ein anderer Kunstmaler das Bild nach, wobei er durchaus eigene Einfälle hinzugefügt hat. Das erste Bild, das in Anwesenheit der Schwester entstand, wurde erst 2003 wieder gründlich restauriert. Interessanter Weise ist die zweite, nicht autorisierte und ästhetisch zweifelhaftere Version jene, die weltweite Verbreitung gefunden hat.

Der Jesus ihrer Vision verlangt aber nicht nur, dass sie ein Bild malen lasse, sondern verknüpft mit der Verehrung des Bildes ganz konkrete Versprechungen: „Ich verspreche, dass jene Seele, die dieses Bild verehrt, nicht verlorengeht. Ich verspreche auch, hier schon auf Erden, den Sieg über Feinde, besonders in der Stunde des Todes.“ (Tagebuch 47-49) Dieses Versprechen provoziert fast einen Vergleich mit Joh 11,25: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Welche Rolle spielt noch der Glaube an das Evangelium, ist man versucht zu fragen, wenn es möglichweise reicht ein Bild zu verehren? Vermutlich ist angesichts solcher Versprechungen die Grenze zwischen Verehrung und Anbetung eines Bildes kaum mehr aufrecht zu erhalten.

Die Erteilung der Gnaden verdinglicht sich ausdrücklich in diesem Bild: "Durch dieses Bild werde ich viele Gnaden erteilen, deshalb soll jede Seele Zugang zu ihm haben" (Tagebuch, 570). Der Zugang zu Bildern ist im Zeitalter der Reproduzierbarkeit freilich kein Problem mehr. Sr. Faustyna schwärmt selber in einem Brief von den Möglichkeit der Verbreitung dieses Bildes durch „kleine Kopien“ (vermutlich waren es Kunstdrucke): „Leute fangen an sie zu kaufen und manche Seele erfuhr schon die Gnade Gottes, die durch diese Quelle geflossen ist. Wie alles, so wird auch dies langsam weitergehen.“ Hier unterschätzte die Ordensfrau allerdings die Entwicklung der elektronischen Medien, denn die weltweite Verbreitung von Bildern geht heute blitzschnell. Auf der Ordens-Homepage lässt sich eine 10-MB-Version herunterladen. Inzwischen schließt sich sogar der Kreis vom Jesusbild der Sr. Faustyna zum Grabtuch von Turin. Auf der Startseite der besagten Homepage20 ihres Ordens gibt es eine elektronische Kollage, in der sich ihr Jesus-Portrait in das Turiner wandelt und umgekehrt.

Johannes Paul II. war bei der Predigt anlässlich Sr. Faustynas Heiligsprechung zurecht äußerst zurückhaltend, was das Bild selber anbelangt21. Er betont in der Predigt die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes, die tätige Liebe zu Gott und den Mitmenschen und lässt die Verehrung des Bildes unerwähnt.

Doch das Bild ist draußen, möchte man sagen, und bestimmt zunehmend die Ästhetik der Kirchenräume mit oft sehr fragwürdigen Akzentverschiebungen. In heutigen Kirchen gibt es einen zunehmenden Trend, sakrale Kunst durch großformatige Poster des ‚wahren Bildnisses‘ zu ergänzen, zu ersetzen oder abzudecken; fromme Poster statt sakraler Kunst. Allein die Möglichkeit der technischen Reproduktion von Bildern stellt die Rolle und Bedeutung von Kunst und Künstlern zunehmend in Frage, zu denen sich das Konzil klar bekannt hat und wie es Johannes Paul II. in seinem „Brief an die Künstler“ und Benedikt XVI. in seiner Begegnung mit den Künstlern noch deutlicher ausgeführt haben. Kunst ist „ein Stück heiliger Nachahmung des Schöpfergottes“ (SC 217) schreibt das Konzil. Die Verehrung eines vermeintlich wahren Bildes Christi darf nicht das Ende ästhetischer Kreativität und sakraler Kunst sein.

Vielleicht wäre es vielmehr an der Zeit, den Gedanken des Konzils wieder aufzugreifen mit dem Verzicht auf „künstlerisch ungenügende, allzu mittelmäßige oder kitschige“ Darstellungen und nach Kriterien für „gesunde Frömmigkeit“ zu suchen, die durch solche Bilder gefährdet wird.

Stellt man die Botschaft des Evangeliums dem Sr.-Faustyna-Bild gegenüber, stellt sich die Frage, ob es nicht letzten Endes triviale Erfüllungsverheißungen sind, die mit diesem Bild verbunden werden, wenn nicht mehr der Glaube hilft, sondern die Verehrung eines bestimmten Bildes. In der Geschichte der Bildtheologie war immer klar, dass Bilder nur Hilfen zum Glauben sind, doch hier scheint ernstlich ein Bild zum Gegenstand des Glaubens geworden zu sein. Die reduzierte Form der ‚biblia pauperum‘ wäre dann ein Mail an alle mit Bild im Anhang.