Das Bedürfnis nach Gewissheit ist menschlich legitim. Schon der ungläubige Thomas wollte es ganz genau sehen mit der eindeutigen Antwort des Herrn: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,29) Religiöser Glaube als Bekenntnis war immer eine Herausforderung und steht quer zu verdinglichten Gewissheiten. Die Geschichte der Bildtheologie zeigt, wie immer wieder Grenzen gezogen wurden, damit aus der Verehrung keine Anbetung, aus der christlichen Bildpraxis keine Bildmagie wird. Dagegen gab es im Bereich der Volksreligiosität stets Versuche, in Glaubensdingen eine wie immer geartete, vermeintliche Gewissheit zu schaffen. Neben einem notwendigen Verständnis für solche Bedürfnisse, braucht es gerade deshalb immer wieder die Korrektur einer reflektierten Theologie des Bildes.

Schon in der Antike gab es den Glauben an Götterstatuen, die ‚vom Himmel gefallen‘ sind (z.B. Artemis in Ephesus). Im christlichen Bereich war es das Acheiropoieton, Bildnisse, die als ‚nicht von Menschenhand geschaffen‘ galten. Für dieses ‚wahre Bild‘ setzte sich später der Begriff des Vera ikon durch (lat. vera = wahr, gr. eikon = Bild) als ein nicht von Händen gemachtes Bild Christi, das zusammen mit entsprechenden Entstehungslegenden als quasi authentisches Portrait galt.

Gegenüber dem Gewicht, die die Frage nach dem Aussehen Christi zeitweise gewonnen hat, fällt auf, dass die Evangelien keine Silbe darüber verlieren und noch Augustinus war klar, dass wir in unseren Köpfen zwar immer Bilder produzieren, aber nicht wissen können, wie Christus ausgesehen hat; abgesehen davon, dass das kein zentraler Gegenstand des Glaubens sein kann. Der Katechismus der Katholischen Kirche formuliert auf dem Hintergrund des 2. Konzils von Nicäa deutlich: „Die christliche Ikonographie gibt durch das Bild die gleiche Botschaft des Evangeliums wieder, die die Heilige Schrift durch das Wort übermittelt.“ (1160) Angesichts der Diskussion um das Aussehen Christi ließe sich zumindest die umgekehrte Frage stellen: Kann ein späteres Bild etwas wissen, was die Evangelien nicht wussten?

Das Christusbild von Edessa (auch Abgar-Bild oder Mandylion) ist das älteste als Vera ikon verehrte Bild, wobei nicht mehr sicher ist, welches dieses ursprüngliche Abgar-Bild wirklich war14. Eusebius von Caesarea, der Vater der Kirchengeschichte, berichtet als erster 325 von der Abdgar-Legende durch Briefe, die er gefunden habe. Der Fürst Abdgar von Edessa habe an Jesus geschrieben mit der Bitte, er möge zum ihm kommen und ihn heilen. Im Antwortschreiben wird Abdgar für seinen Glauben gelobt und Jesus verspricht ihm, nach der Himmelfahrt einen Jünger zu schicken, der ihn heilen soll. Von einem Bild ist in dieser ältesten Version der Legende noch gar keine Rede. Ende des 4. Jahrhunderts taucht eine neue Variante auf, nach der der Überbringer des Briefes ein Maler war, der für den König ein Portrait Jesu angefertigt hätte. Spätere Versionen berichten dann von einem Tuch, in das sich durch direkten Kontakt das Antlitz Jesu eingeprägt habe. Die Verehrung dieses Abdgar-Bildes war für die Kunstgeschichte folgenreich, denn nach den sehr vielfältigen, auch jugendlich-bartlosen Christusbildern setzte sich seit dem 6. Jahrhundert ein relativ einheitlicher Bildtyp durch, dem später selbstverständlich auch das Grabtuch von Turin gleicht.

Dazwischen aber wandelt sich das Abdgar-Bild zum Schweißtuch der Veronika15. In den apokryphen Pilatusakten (auch Nikodemusevangelium, um 425) trägt die blutflüssige Frau, die Jesus geheilt hat, den Namen Berenike. In einer späteren koptischen Version bringt diese Berenike das Tuch des Königs Abdgar zum schwerkranken Kaiser Tiberius, den sie dadurch heilt. In den späteren lateinischen Übersetzungen der Pilatusakten wurde aus der Berenike eine ‚Veronika‘, ein Name, der aus ‚vera‘ und ‚ikon‘ zusammengesetzt ist und diese Tradition weiterspielt. Im 12. Jahrhundert taucht in der westlichen Kirche die Legende auf, nach der Jesus auf dem Weg nach Golgatha unter den weinenden Frauen Veronika trifft, die ihm ein Schweißtuch hinhält, auf dem sich sein Antlitz abbildet. Auch von diesem ‚Schweißtuch der Veronika‘ gibt es verschiedene Kandidaten oder Kopien, die dafür in Frage kommen könnten und in jüngster Zeit wird vor allem der sog. Schleier von Manoppello (auch Volto Santo - Wahres Gesicht von Manoppello) dafür gehalten. Nachdem das ‚offizielle‘ Abdgar-Tuch angeblich bei der Plünderung Konstantinopels 1204 im Rahmen des 4. Kreuzzuges verschwand, wurde später das Turiner Grabtuch damit identifiziert, das im Besitz des Templerordens diese Zeit überdauert habe. Der Schleier von Manoppello wird mit dem Grabtuch inzwischen so verbunden, dass es das Schweißtuch sei, „das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte“ (Joh 20,7).

Offiziell hat sich die Kirche aus diesen eifrig geführten Diskussionen um das Vera ikon heraus gehalten, doch in jüngster Zeit haben ‚private‘ Papstbesuche den Verehrern Auftrieb verliehen. Johannes Paul II. besuchte 1998 das Turiner Grabtuch und legte bei aller geheimnisvollen Rhetorik doch klar, dass die historische Echtheit des Leinens keine Glaubensangelegenheit sei und die Kirche damit auch keine besondere Befugnis habe, dazu Stellung zu beziehen16. Im Jahr 2010 besuchte Benedikt XVI. das Grabtuch und betete davor. Selbstverständlich vermied er das Wort ‚Reliquie‘, bezeichnete es aber doch als „heiliges Grabtuch“ und als „Ikone“, was im westlichen Verständnis doch noch mehr sein kann als ein ‚Bild‘. Doch auch wenn der Papst nur vom „Mann des Grabtuchs“ spricht, misst er ihm mit Aussagen wie der folgenden einen Stellenwert zu, den ein Bild bisher nicht hatte: „Durch das heilige Grabtuch gelangt das eine endgültige Wort Gottes zu uns: die menschgewordene Liebe, die in unserer Geschichte Fleisch angenommen hat.“17 2006 besuchte Benedikt XVI. auf einer ‚privaten Wallfahrt‘ bereits den Schleier von Manoppello, den er zwar auch hier als „Ikone“ und nicht als Reliquie (Berührungsreliquie) bezeichnete, aber doch vom „Heiligen Antlitz Christi“18 sprach. Die Formulierung wiederholte sich, als er wenig später der Kirche von Manoppello „zur Ehre des Heiligen Antlitzes Unseres Herrn Jesus Christus“ den Titel einer Basilica minor verlieh.

Es scheint, als hätte die Frage nach dem wahren Bild als Folge der kreativen Verflachung der sakralen Kunst im 19. Jahrhundert am Beginn des 20. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung erhalten, verstärkt durch moderne Methoden der Forschung und die Möglichkeiten der massenmedialen Reproduktion. In den einschlägigen Homepages spielen diese Bilder, dort auch als heiligste Reliquien bezeichnet, eine große Rolle im Sinne eines vermeintlichen ‚Beweises‘ für den christlichen Glauben. Die Besuche der beiden Päpste waren offensichtlich doch nicht so ‚privat‘, da sie auf solchen Seiten als amtliche Bekräftigung interpretiert werden.

Glaubensästhetisch tun sich essentielle Fragen auf: Bedeutet der Fund des wahren Bildes Christi das Ende der Kunstgeschichte? Waren es bisher nur unbeholfene, weil unwissende Fingerübungen von Künstlern, die ab sofort irrelevant sind, nachdem wir jetzt wissen wie Christus ausgesehen hat? Ist das Bekenntnis des II. Vatikanischen Konzils zu den „schönen Künsten“ und zur „schöpferischen Veranlagung des Menschen“ bedeutungslos geworden, weil Wissenschaft und mechanische Reproduktion das Bildwesen übernommen haben? Oder noch provokanter gefragt: Geht die Bildgeschichte Gottes nun definitiv zu Ende?

Es sind provokante Fragen, doch die Geschichte der sakralen Kunst ebenso wie der immer wieder kritische Blick der Bildtheologie legen solche Fragen nahe. Die Bildgeschichte Gottes war ein dauernder kreativer Prozess und sollte es bleiben. In dieser Geschichte, die immer weiter geht und ging, bleibt auch der Glaube kreativ und lebendig in der Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit und den persönlichen Herausforderung. Je mehr ein einzelnes Vera ikon zum Zentrum der Verehrung (bis Anbetung) wird, drohen ein Abbruch dieser Geschichte und damit ein Verlust an Kreativität und Prozesshaftigkeit. Der Glaube an die Erlösung ist die größere Herausforderung und hat mehr Kraft als der Glaube an ein Bild des Erlösers. Die Frage muss zumindest erlaubt sein, ob eine Verengung auf ein vermeintlich wahres Bild Christi nicht eine unkreative Verdinglichung des christlichen Glaubens darstellt.