Die Entstehung der christlichen Bilderwelt im 3. und 4. Jahrhundert ist nicht begleitet von einer theologisch-systematischen Diskussion, sondern dürfte ein sehr vielgestaltiger Prozess auf verschiedenen Ebenen gewesen sein.

Auch Augustinus hat sich nicht systematisch mit der Bilderfrage befasst, aber an einigen Stellen kommt eine nüchterne Zurückhaltung gegenüber Bildern zum Ausdruck, die im Westen lange Zeit eine prägende Einstellung war im Vergleich zur byzantinischen Bilderwelt: Bilder sind und bleiben Bilder und mehr können sie nicht sein.

Augustinus ist sich bewusst, dass unser Gehirn gar nicht anders kann, als sich Bilder und Vorstelllungen zum Gehörten oder Gelesenen zu machen:

„Welcher Leser oder Hörer der Schriften des Apostels Paulus oder der Schriften über ihn würde sich etwa im Geiste nicht auch das Antlitz des Apostels selbst ausmalen und aller jener, deren Namen in den Schriften erwähnt werden?“

Die Logik des Augustinus ist: Wir können nicht wissen, wie jemand ausgesehen hat, den niemand von uns mehr kannte und jeder Mensch macht sich andere Bilder, von denen wir nicht sagen können, ob sie der Wirklichkeit entsprechen. Das gilt auch für das „Antlitz des Herrn“, das in zahllosen Vorstellungsbildern ausgemalt wird, „wenngleich es nur eines war, wie immer es auch war“. Wir wissen nicht, wie der Apostel Paulus, Maria oder Lazarus ausgesehen haben und ebenso wenig wissen wir es von Christus. Das wichtigere Argument ist aber für Augustinus, dass die Bilder nicht entscheidend sind:

„Denn in unserem Glauben, den wir vom Herrn Jesus Christus haben, ist auch nicht die Vorstellung, die sich die Seele macht und die vielleicht von der Wirklichkeit weit entfernt ist, heilskräftig, sondern das, was wir von der menschlichen Erscheinung Christi halten.“

Der Glaube ist und bleibt das Entscheidende, nicht die Bilder („Ob Maria jenes Aussehen hatte, … das gehört auch nicht zum Glauben.“). Die Bilder, weiter lässt sich Augustinus nicht darüber aus, können eine Hilfe, eine Unterstützung, eine Bekräftigung sein, aber sie sind nicht das Entscheidende und können nicht der eigentliche Gegenstand des Glaubens sein. Dieses bildtheologische Korrektiv lohnt sich mitzunehmen, gerade dorthin, wo Bilder vielleicht allzu sehr zum Kultbild werden oder die Frage nach dem ‚wahren Bild‘ (vera ikon) überhand nimmt.