von Petra Steinmair-Pösel

Wieder ist es der spirituelle Meister Bernhard von Clairvaux mit seinem Brief an Papst Eugen III, der uns anregt, achtsam auf unseren Umgang mit der Zeit, mit uns selbst, unseren eigenen Fähigkeiten und Ressourcen zu schauen: „Wie kannst Du aber voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selbst verloren hast?“, fragt er nicht nur den Nachfolger Petri, sondern auch Sie und mich. Zwei Dinge fallen besonders auf: Ziel der spirituellen Reise ist es, voll und echt Mensch zu sein und immer mehr zu werden. Was von diesem Weg abbringen kann, ist der Selbstverlust.

Sich selbst zu verlieren, ist eine Gefahr, der wir heute wohl mehr denn je zuvor ausgesetzt sind: Unzählige innere und äußere Stimmen sagen, flüstern, rufen uns zu, wie wir sein sollten. Eingespannt in verschiedenste, zum Teil widersprüchliche Rollen und Lebensbereiche erleben sich viele – gerade Frauen – in einer wahren Zerreißprobe. Nur allzu leicht geht dabei das Gefühl für die eigenen tiefsten Wünsche und Bedürfnisse verloren.

Dabei können gerade diese, wo sie achtsam wahrgenommen werden, auf den Weg echten Menschseins führen. Nicht übermenschliche Perfektion ist das Ziel, und – um es im Bild eines jüdischen Gelehrten zu sagen – ich muss auch nicht Mutter Theresa oder Mahatma Ghandi werden. Es geht darum, ich selbst zu werden, so wie Gott mich in seiner schöpferischen Liebe immer schon gemeint und gewollt hat. Dieses Bild Gottes kann ich in mir entdecken, wenn ich in der Stille immer wieder ganz zu mir selber finde.

Von Petra Steinmair-Pösel veröffentlicht am 21.07.2010

Zugehörige Themen

Spiritualität | Arbeit und Menschsein | Frauen