Um die Figur des Hl. Nikolaus sind im Lauf der Geschichte zahlreiche Legenden entstanden - hier eine zum Nachlesen und Erzählen.

Das steinerne Herz – eine alte ostkirchliche Legende

Ein Kaufmann war sehr reich geworden, konnte aber nie genug bekommen und wollte immer noch mehr verdienen. Als er eines Tages auf Reisen war, erschien ihm der Teufel: „Möchtest du reicher als alle werden?“, fragte er ihn.
„Nichts lieber als das!“, antwortete der Kaufmann. „Was muss ich dafür tun?“ – „Du musst mir dafür dein Herz geben“, sagte der Verführer. Ohne zu zögern tausche der Kaufmann sein Herz gegen einen Stein. In nur einem Augenblick war sein Herz verhärtet und eiskalt. Dann verschwand der Teufel.

In den folgenden Jahren wurde der Kaufmann reicher als alle anderen Menschen, aber auch immer verlassener und einsamer.

Als er eines Tages wieder dorthin kam, wo ihm der Teufel sein Herz genommen hatte, begegnete ihm der Bischof Nikolaus von Myra. „Warum bist du so traurig?“, fragte er den Kaufmann. Da erzählte der reiche Mann seine Geschichte. Der Heilige tröstete ihn und sprach: „Du kannst wieder glücklich werden, wenn du mit deinem Geld Gutes tust. Geh zu den Menschen und lerne ihre Not sehen und lindern“.

Der Kaufmann tat, wie der Bischof Nikolaus ihm geraten hatte. Mit jedem guten Wort und jeder helfenden Tat schmolz der Stein in seiner Brust, und stattdessen gewann er sein eigenes weiches Herz wieder zurück.

Als er starb, war aus dem armen Reichen ein reicher Armer geworden. 

Herzschmerz
Die Legende vom steinernen Herzen hat mich einmal besonders berührt. Es war am Nikolausabend vor einigen Jahren, als ich mit meinen Töchtern zu einer Nikolausfeier in die Gemeinde ging. Es war nicht die bekannte Feier im Pfarrsaal, wo alle gespannt die Ankunft des heiligen Mannes erwarten. Nein! Wir trafen uns vor dem Fenster des Jugendheimes. Alles war dunkel, der Abend war kalt, und man spürte den kommenden Schnee in der Luft. Kurz vor der verabredeten Zeit verteilten zwei Frauen kleine Tütchen, deren Inhalt aufgrund der Dunkelheit nicht wirklich erkennbar war. Sie baten uns, dieses Päckchen fest in den Händen zu halten, das sei wichtig. Dann wurde das Fenster erleuchtet, das die Geschichte illustrierte. Jemand begann, die Legende „Das steinerne Herz“ vorzulesen. Jetzt sahen wir, dass wir alle Eiswürfel mit gefrorenen Herzen in den Händen hielten. Wie deutlich konnten wir mut unseren eiskalten Händen den Schmerz der Verlassenheit und Einsamkeit im Herzen des „armen reichen Mannes“ spüren. Noch heute denken wir am Nikolausabend gerne an dieses Erlebnis zurück. Beate Brüser
In: Advents Gesichter. Essener Adventkalender 2009

 

Von Marianne Springer veröffentlicht am 01.12.2009

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