Von Dietmar Steinmair

EthikForum, zum Zweiten. Nach dem Jesuiten Karcher und dem Wirtschaftsprofessor Binswanger betraten zwei in Deutschland tätige Referenten das ethische Parkett. Peter Parwan ist Gründer und Betreiber der Internetplattform lohas.de. Er hat die so genannte "Lohas"-Bewegung in den Vereinigten Staaten kennen gelernt und nach Deutschland gebracht. LOHAS steht für "Lifestyle of Health and Sustainability", zu Deutsch: "Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit" Die Lohas-Bewegung gibt es in den USA schon seit über 10 Jahren, die Plattform lohas.de ist seit 2006 online.

Parwan Peter EthikForum 2010Wer oder was lebt "lohas"? Ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland, so schätzt Parwan, gehöre zu dieser Gruppe, die sich für einen nachhaltigen Lebensstil interessieren, bewusster einkaufen, die Produktherkunft kritischer hinterfragen. Lohas ist für Parwan somit der Gegenentwurf zum hedonistischen Lebensstil, der die westlichen Länder die letzten 50 Jahre geprägt hat. Lohas-Leute kaufen anders, dennoch sind sie sind keine "Zielgruppe" in der Terminologie herkömmlicher Produkt-Absatz-Strategien. Auch wenn Unternehmen, die mit nachhaltigen Produkten am Markt sind und für die Nachhaltigkeit auch Teil des Marketing ist, sich das gerne so wünschen würden.

 
Krisen-Kreise

Peter Parwan macht derzeit drei Krisen-Kreise aus. Zunächst den Klimawandel. Bei Experten bereits seit über 30 Jahren diskutiert, hat er erst in den letzten Jahren ein breiteres Bewusstsein erlangt, wurde durch Al Gore populär. Zweitens: Die Ressourcen-Frage. Einigen Hochtechnologie-Industrie-Zweigen in Deutschland gehen die für die Produktion nötigen Rohstoffe aus. Der dritte Krisen-Kreis sei schließlich die Finanzwelt. Dass es zu einem Finanzcrash durch die Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten wie 2008/2009 kommen könne, war - wiederum unter den Experten - vorher schon völlig klar. Die wirtschafltichen und politischen Eliten hätten aber keine wirksamen Maßnahmen ergriffen, um dies abzuwenden. Und tun es heute, nach dem Crash, auch nicht wirklich. Bankenpakete funktionieren, so Parwan, lediglich nach der bestehenden Logik, eben jener Logik, die zur Finanzkrise geführt haben.

Was aber ist nachhaltiger Lebensstil konret? Dazu habe jeder eine andere Vorstellung. resümierte Parwan. Auf eine These konnten sich die Besucher des EthikForums jedoch gewiss einigen: "Wir müssen nicht weniger konsumieren, sondern klüger", wie es Tagungsmoderator Thomas Matt formulierte.

 
Zurück-führen statt zurück-schrauben

Bayer Kristina EthikForum 2010Die Sozialwissenschaftlerin Kristina Bayer arbeitet an der Universität Kassel und engagiert sich im Verein zur Förderung der solidarische Ökonomie. "Reduktion" bedeutet für sie nicht "zurück-schrauben", sondern im eigentlichen Sinn "zurück-führen" - re-ducere im Lateinischen. Konkret:  die wirtschaftlichen Abläufe müssen auf eine nachhaltge Produktionsbasis zurückgeführt werden. Bayer: "Unter welchen Bedingungen wird produziert und konsumiert?" Das müsse letztlich auch die Eigentumsverhältnisse hinterfragen. Klingt nach Marx, meint aber weniger den Umsturz des Kapitalismus, sondern die Förderung des Modells "Kooperation" als Organisationsbasis. Eine Genossenschaft hat für Bayer nicht die Profitmaximierung als Hauptzweck, sondern das Wohl der Mitglieder.

Solidarische Ökonomie findet Bayer in Formen des Wirtschaftens, die menschliche Bedürfnisse auf Basis freiwilliger Kooperation, Selbstorganisation und gegenseiter Hilfe befriedigen. "Menschen entscheiden gemeinschaftlich darüber, welche Dinge unter welchen Bedingungen produziert und konsumiert werden", so ihre Definition.

Genossenschaften können in beinahe allen Lebensbereichen gebildet werden. Von den Lebensmitteln (Fair-Trade mit den Entwicklungsländern), der Frage nach Vermarktung und Konsum (Konsumgenossenschaften, Mitgliederläden), über Formen von Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgung) und die Berücksichtigung alternativer Energien (Energiegenossenschaften) und des Grundbedürfnisses Wohnen (Selbstbau-Initiativen) gehen die Möglichkeiten kooperativen Wirtschaftens bis hin zur gemeinsamen Nutzung von Dingen (Carsharing, Mitfahrgelegenheiten), zur Finanzwelt (Tauschkreise, lokale Währungen, ethisches Invenstment) und zu alternativen Eigentumsformen (Kooperativen, Belegschaftsübernahmen, gemeinsame Rechte an Open-Source-Software).

Dass in den Köpfen vieler Menschen Wirtschaft und Gerechtigkeit immer noch einander scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen, illustrierte Moderator Matt mit einer Anekdote, die von Karl Kraus erzählt wird:
Ein junger Hörer seiner Vorlesungen wurde einmal von Kraus gefragt, was er denn studiere. Der junge Mann hat geantwortet: "Ich studiere Wirtschaftsethik". Darauf hat Karl Kraus gemeint: "Herr Kollege, dann werden sie sich entscheiden müssen!"

 
EthikForum - Ausblick?

Entschieden dürfte jedoch mit Sicherheit sein, dass vom Publikum eine dritte Auflage des EthikForums im Jahr 2011 gewünscht wird. Auch wenn die Besucherzahl des EthikForums zum Nachmittag hin merklich zurückgegangen war, konnten aus den engagiert geführten Workshops einige interessante Ergebnisse und konkrete Aufgabenstellungen für die nahe Zukunft zusammengetragen werden. Im EthikCenter der Katholischen Kirche Vorarlberg und in EthikForum-Initiator Michael Willam haben diese Koordinationsfragen den angemessenen Ort und die richtige Person gefunden.

Von Dietmar Steinmair veröffentlicht am 22.10.2010

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