Ethische Überlegungen zu Finanzspekulationen

Von Michael Willam

Rekordwachstum dank Spekulation

Deutschlands und damit auch Österreichs Wirtschaft wächst wieder schneller als erwartet.
Man ist überrascht von den positiven Zahlen, welche sich unter anderem aufgrund der Exportorientiertheit der Länder und des derzeit schwachen Eurokurses erklären lassen. Die Zusammenhänge sind dabei komplex und verblüffend: Die schlechte wirtschaftliche Lage einiger europäischer Staaten (Griechenland, Portugal, Spanien etc.), welche durch profitgierige Spekulanten zu einem massiven Einbruch des Euro geführt hat, bewirkt jetzt indirekt für Deutschland mit 2,2 % im ersten Quartal das größte Wachstum seit der Wiedervereinigung 1990.

Spekulation und Moral

Wie, so könnte man fragen, ist nun das Tun der Spekulanten aus ethischer Sicht zu bewerten?
Bewirken diese nicht auch Positives, wenn sie beispielsweise auf die Pleite eines Staates wie Griechenland wetten?
War es nicht der Druck auf die Gemeinschaftswährung, welcher von den Spekulaten ausgeübt wurde, der nun die EU-Staatengemeinschaft zu einem entschlossenen Handeln bewogen und Griechenland zu einem rigorosen Sparkurs gezwungen hat? Es scheint nicht ganz einfach zu sein, den spekulativen Geschäften der Finanzmarktakteure bei allem, was in unserem Wirtschaftssystem schief läuft, die alleinige moralische Schuld in die Schuhe zu schieben, wie dies vielerorts gang und gäbe geworden ist. Zu ihrer Verteidigung ließe ich einbringen, dass sie eben ihren Job in einem legalen bestehenden System machen und damit mitunter viel Geld verdienen.

Das Ziel und die Mittel

Dagegen ließe sich einwenden, dass für die moralische Beurteilung einer Handlung das eigentliche Ziel und die Mittel, die zur Erreichung dieses Zieles eingesetzt werden, zu berücksichtigen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass es nicht das Ziel der Akteure gewesen ist, durch die Herbeiführung eines schwachen Euros den Exportländern Deutschland und Österreich einen Gefallen zu tun. Es war wohl eher schlichtweg finanziell lukrativ, mit sog. Kreditderivaten auf dessen Abschwung zu wetten. Genauso ist der Einsatz der Mittel, die eingesetzt wurden und werden, um dieses Geld zu verdienen, ethisch zu hinterfragen. Überall, wo Schwächen in einem System (z.B. ein börsennotiertes Unternehmen, ein Staat, eine Währung etc.) vermutet werden, wird auf den Ausgang der Situation gewettet - es werden Drucksituationen aufgebaut auf die Systeme und letztlich auf die Menschen, die von diesen Systemen abhängen. Ein unrühmliches Beispiel hierfür boten angesichts der Ernteausfälle in Russland die Spekulationen auf den weltweiten Getreidepreis, welche fatale Auswirkungen in den Entwicklungsländern haben. 

Das geprüfte Gewissen als oberste Instanz

Positive Nebenwirkungen einer an sich moralisch bedenklichen Handlung, so könnte zusammengefasst werden, machen die Tat selbst aus ethischer Sicht nicht besser. Auch wenn viele Defizite systemimmenent sind und durch die Komplexität der globalen Finanz- und Wirtschaftssysteme nicht immer eindeutig von einem oder einer Schuldigen gesprochen werden kann, so scheint doch eines gewiss: Die moralische Verantwortung für unser Tun wird nicht danach bemessen, ob ein Handeln legal oder illegal gewesen ist, sondern ob wir es vor Gott und vor uns selbst mit gutem Gewissen rechtfertigen können. Somit wäre die genaue Prüfung des Gewissens der erste Schritt, welchen es für die Zocker am Tisch des globalen Finanz- und Wirtschaftsroulettes zu tun gilt.

(Bild: travel_aficionado / flickr.com)

Von Michael Willam veröffentlicht am 20.08.2010

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