Wenn die Kirche – neben der Gastfreundschaft – wieder lernt, selber zu Gast zu sein, kann Überraschendes passieren.

Nehmt Neuland unter den Pflug! (Hosea 10,12)

In den letzten Jahrhunderten war in Vorarlberg die Gesellschaft und die katholische Kirche fast deckungsgleich. In so einer Situation gibt es für Kirche kein Neuland, keine "Zwischenräume". Der aktuelle "epochale Umbruch" (vgl. "Orientierungen für die Wege der Pfarrgemeinden" Kap. B.1.) beschert uns eine Situation, die mit Blick in die Geschichte und rund um den Globus für viele Teile der Kirche eine Normalsituation darstellt: Sie ist nicht selbstverständlich "die" Gesellschaft sondern ein Teil davon.

Im zweiten Handlungsfeld im Bereich der Sendung geht es deshalb um das Hinausgehen zu Menschen, die nicht oder nicht mehr in die Kirche kommen oder vielleicht gar nicht katholisch oder getauft sind. Dort begegnen Ent-kirchlichte (oft mit einer Geschichte von Entfremdung, oder sogar Kränkungen, Verletzungen, …), Un-kirchliche (Agnostiker, Atheisten, …) und Gläubige anderer christlicher Kirchen und Religionen. Alle sind sie – in der christlichen Deutung der Wirklichkeit – Geschöpfe Gottes, die er liebt und mit denen er treu einen Weg geht. "Christus ist mit jedem Menschen, ohne Ausnahme, in irgendeiner Weise verbunden, auch wenn sich der Mensch dessen nicht bewußt ist." schrieb P. Johannes Paul II(Redemptor Hominis, 14). An dieser Geschichte Gottes mit den Menschen können die ChristInnen anteilnehmen.

Entscheidend ist die Qualität der Begegung

Sie üben dabei ihre feinfühligen Wahrnehmung, mit einer Haltung der Neugier, des Staunens: Was von Gott kann ich hier entdecken? Hilfreich und öffnend wirkt ihr aufrichtiges Interesse an ihrem Gegenüber, an einem echten Kontakt mit deren Leben, mit den Themen und Fragen, die für diese Menschen von Bedeutung sind. Alles beginnt mit wertschätzenden Fragen und dann mit Zuhören, respektvoll ….

Die "Orientierungen für die Wege der Pfarrgemeinden" sprechen in Kap. B5 davon, die Liebe Gottes "in den Zwischenräumen ... präsent zu setzen". Auf der Basis dieser ersten Begegnung kann ein wirklicher Dialog entstehen – von Herz zu Herz – und mit der Zeit kann daraus vielleicht sogar eine Freundschaft wachsen. Wieso nicht auch „eine/n FreundIn bei den Ent-Kirchlichten, Atheisten oder Andersgläubigen“ finden?

Es lohnt sich

Mit der Initiative "Dialog für alle" im Jubiläumsjahr 2018 sind die Pfarren, Orden und andere kirchliche Gruppen eingeladen, diese Erfahrung zu machen. Es lohnt sich, den ersten Schritt auf Menschen zuzugehen, die man noch nicht kennt und an Orte zu gehen, wo man sich nicht auskennt und fremd fühlt. Sie können das Geschenk einer geglückten Begegnung erfahren, eine neue Lebendigkeit, neue Beziehungen, eine neue Sicht der Dinge … und vielleicht sogar neue Seiten Gottes entdecken. Und der Satz des II Vatikanischen Konzils "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi." (Gaudium et spes 1) kann Wirklichkeit werden.

Neues wird möglich

Manchmal passt in so einer Beziehung eine Einladung in eines der anderen vier Handlungsfelder

  • wo die ChristInnen  ihre Hoffnung, ihren Glauben anbieten, vorschlagen und möglicherweise den Zugang zu ihrer Quelle der Freude eröffnen können
  • wo sie ihr Leben und ihren Glauben in Gemeinschaft teilen und lebendig feiern 
  • wo sie Segen und Herberge auf Zeit bieten 
  • wo sie tatkräftig und persönlich Not wenden.

Und immer wieder hat dieses „zu Gast sein bei den Menschen“ dazu geführt, dass ChristInnen eine neue eigene Berufung entdeckt haben. Sie haben dann an einem neuen Ort mit neuen Menschen eine frische neue Gemeinde gegründet haben, die ihrerseits dynamisch in diese fünf Handlungsfelder hineingewachsen ist (vgl. dazu die Erfahrungsberichte auf Pastorale-Innovation.de und freshexpressions.de oder diesen Film).

Entwicklungsfragen

  • Wo würde Jesus hingehen (zu Besuch, zum Essen, Schlafen, ...), wenn er eine oder zwei Wochen in unserer Pfarre käme? Wen von diesen Menschen kennen wir gut? Wen nicht?
  • Warum bleiben wir stehen, wenn wir von fremden Menschen angeprochen werden? Welcher Haltung wünschen wir uns für so ein Gespräch?
  • Wo haben wir als Gast schon einmal erlebt, dass uns Jesus an einem fremden Ort neu begegnet ist?
  • Auf welchen Teil der Wirklichkeit außerhalb unseres kirchlichen Wirkens sind wir neugierig?
  • Welche der Ideen der Aktion "Dialog für alle" gefallen uns? Welche sind uns fremd?
  • ...

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