Interview: Rainer Juriatti
Zum Hirtenbrief des Advents anlässlich des 40-Jahre-Jubiläums der Diözese Feldkirch sprachen wir mit Bischof Elmar Fischer:
Vor 40 Jahren, Herr Bischof, da waren Sie Pfarrprovisor in Sibratsgfäll. Wie haben Sie die Diözesengründung und die Zeit bis heute erlebt?
Bischof Elmar: Die Gründung der Diözese war auf der Gemeindeebene nicht so sehr spürbar. Ich habe mich sehr konzentriert auf das tägliche Tun in der Gemeinde und mein Studium für das Doktorat. Da waren veränderte Strukturen nicht so sehr bedeutend, war doch Bischof Bruno schon lange zuständig für das Gebiet Vorarlberg und "unser Bischof".
Es hat sich sehr viel verändert in den vier Jahrzehnten. Und wohl jeder Mensch kennt das: man fragt sich im Alter von 40 Jahren, wie es war, wie ist es, wie die Zukunft sein soll.
Wie steht es um die Seelsorge im Land?
Seelsorge, das ist zentrale Aufgabe. Es geht da letztlich um den Standard, das Niveau unseres Menschsein. Wenn wir mit früheren Jahrzehnten vergleichen: kaum einmal wurde so viel Energie und Initiative in die Pastoral eingebracht. Aus innerer Überzeugung und persönlichem Engagement versammeln sich Frauen, Männer und Jugendliche zu Gebets- und Bibelrunden, realisieren Einzelpersonen, Gruppen, Pfarren über ihre diözesanen Sammelverpflichtungen hinaus Hilfsprojekte für Entwicklungsländer. Die Priester, PastoralassistentInnen, ReligionslehrerInnen, Pfarrgemeinderäte, und Pfarrkirchenräte sind in vielfältiger Weise um die Seelsorge und das kirchliche Leben bemüht.
Die Diözese mit ihren Institutionen, Vereinigungen, setzt besondere Initiativen, wenn es um zeitaktuelle Themen und Probleme zu tun ist. Zum Beispiel setzt sie sich ein für den Erhalt des arbeitsfreien Sonntags, den Schutz des Lebens von Beginn bis zum natürlichen Ende - gegen Abtreibung und Euthanasie. Sie ist tätig für die Weckung des Glaubens im Missionswerk und in der Entwicklungshilfe.
Welche Rolle spielen die Ordensgemeinschaften?
Die Ordensgemeinschaften leisten wichtige pastorale Arbeit in Schule, Krankenhaus, spiritueller Begleitung, religiöser Bildung. Nicht übersehen dürfen wir die stille, unverzichtbare geistliche "Arbeit" der sogenannten "geschlossenen" Orden, im Konkreten zwei Frauenklöster, die durch ihr Gebet den geistlich-spirituellen Auftrag begleiten, unterstützen, fördern. Sie haben eine bedeutsame Aufgabe.
Wie sehen Sie die gesellschaftlichen Herausforderungen?
Christlicher Glaube ist nicht nur innerliche Frömmigkeit abseits des praktischen Lebens, er wirkt ganz wesentlich in die persönliche Lebensgestaltung und so auch in die Gesellschaft. Christlicher Glaube will unser Menschsein zur Liebe entfalten. Es ist die dreidimensionale Liebe unser größtes Gebot (Mk 12, 28 - 34). Lebendiger Glaube zeigt sich, wenn Eltern ihre Kinder mit Achtsamkeit und Wertschätzung erziehen. Er zeigt sich, wenn der Jugendliche in Selbstachtung seine Persönlichkeit entfaltet. Er zeigt sich, wenn Männer und Frauen mit Selbstvertrauen aus innerer Gottverbundenheit Familie, Arbeitswelt und in den Institutionen der Gesellschaft verantwortungsbewusst mitgestalten. Wenn dieser auf Christus orientierte Glaube schwindet, dann verliert auch die gelebte Menschlichkeit an Kraft.
Ist der Glaubensschwund bewältigbar?
Die Zahl derer, die regelmäßig den Sonntagsgottesdienst besuchen, lag im Gründungsjahr der Diözese bei 38, heute etwa bei 14 %. Das bedeutet eine enorme Herausforderung für gelingende Seelsorge. Dem Menschen von heute muss bewusst werden, der persönlich gelebte Glaube bringt Sinn, Orientierung, Werte ins Leben. Den Menschen muss bewusst sein, dass in den Lebensbereichen, in denen Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit am stärksten gefordert sind, die Kraft der Liebe unmittelbar wichtig ist. Warum gelingen die Beziehungen in Ehe und Familie, die ein entfaltetes Menschsein erfordern, immer weniger? Wie steht es um unsere Fähigkeit und Bereitschaft zu lieben, wie Christus geliebt hat (Jo 15, 12 ff.)? Liegt es vielleicht daran, dass die Ehepaare diese Botschaften nicht mehr hören, zu wenig praktizieren? Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Zahl der Priester, der Ordensleute besonders stark gesunken ist. Das bringt Einschränkungen in der Verkündigung und in der Seelsorge generell. Der Verlust an Orientierung, Lebenssinn und Werten aber ist Ballast für den Weg in die Zukunft.
Wie sieht die Zukunft für die Gläubigkeit aus?
Wir stehen an der Schwelle zum großen Fest der Menschwerdung Gottes. Es ist Jesus Christus, der uns eine frohe Botschaft gebracht hat und uns zutraut, aufbauende positive Initiativen in die Wege zu leiten. Jeder kann bei sich und in seiner Umgebung beginnen. Weihnachten ist immer wieder eine Chance: Bald wird das gewaltige Licht bei aller Dunkelheit in der Nacht von Bethlehem aus der Krippe in unsere Existenz hereinstrahlen. Gott wird Mensch in der Heiligen Nacht. Er selbst kommt in diese Welt, bringt uns Hoffnung und schenkt uns seine Liebe. Welche andere Religion kann die Aussage machen: Gott selbst kümmert sich um mich, um uns! Das müssen wir besonders sehen, besonders entdecken, ganz dem Wahlspruch entsprechend: Gottes Reich suchen. Das heißt, zu entdecken, dass Gott für uns nicht der Ferne, nicht der Unzugängliche ist. Gott ist auch nicht der Unberechenbare, den wir aus Angst verehren. Wer das Geschehen der Weihnacht mit dem Herzen annehmen kann, der erfährt, dass der Glaube an unseren Gott bedeutet: angenommen sein. Dieses Angenommen sein ist Wertschätzung, ist Aufatmen, ist Auftrieb für uns. Wir bedeuten Gott alles. Wir werden geliebt! Weit länger schon als 40 Jahre, und noch sehr viel länger, als vier Jahrzehnte.
Erschienen in der Sonderausgabe des KirchenBlatts, Nr 49, 8.12.2008
Von Daniel Furxer veröffentlicht am 02.12.2008

