Bischof Dr. Benno Elbs zum Schutz des Lebens vom Anfang bis zum Ende

Diskussionen der letzten Wochen und Monate über den Wert des Lebens, Abtreibung, oder das Recht auf „selbstbestimmtes Sterben“ rühren an fundamentalen Haltungen des menschlichen Zusammenlebens.
Eine Klarstellung vorab: Viele Errungenschaften in Technik, Wirtschaft, Kommunikation, Wissenschaft und Medizin sind uns heute selbstverständlich geworden – und das ist oft ein Segen. Es ist wichtig, dass wir uns heute über Dinge unverkrampft unterhalten können, bei denen noch vor Kurzem an eine Diskussion nicht zu denken gewesen wäre. Das ist ein großer Fortschritt, den wir als Gesellschaft und auch als Kirche erleben dürfen. Gleichzeitig ist es in vielerlei Hinsicht so, dass unter dem Deckmantel des Fortschritts über Wertvolles diskutiert wird, das nicht beliebig verfüg- und machbar ist.

Es hat mich zutiefst bestürzt,
mit welcher Geringschätzung über den Wert bzw. das Recht auf Leben diskutiert wurde. Das möchte ich nicht allein der Politik vorhalten. Vielmehr sind es Fragen, die wir alle uns stellen müssen: Wer von uns hat das Recht, zwischen wertem und unwertem Leben zu unterscheiden? Sind wir fortschrittlich, wenn wir uns und alles dem Glauben an die reine Machbarkeit unterordnen? Ist der Wert des Menschen gleich seinem Nutzen? Oder sind die, die auf die unantastbare Würde des Menschen bestehen, etwa altmodisch und von gestern? Die Begrifflichkeiten von der „Würde des Menschen“ und dem „Schutz des Lebens“ zu strapazieren, scheint oft in Gefahr, ins Eck der „antiquierten Phrasen“ verschoben zu werden. Ich verwende sie dennoch – ganz bewusst und bestimmt.

Denn wenn das neue Fortpflanzungsmedizingesetz von vielen als längst überfällig begrüßt wurde, so ist mein Jubel ein verhaltener. Meine Kritik bezieht sich vor allem auf die Präimplantationsdiagnostik. Hier wird Menschen potenziell ihr Recht auf Geburt vorenthalten, weil sie über die falschen Merkmale verfügen. Natürlich, werden die Befürworter/innen der PID argumentieren, darf eine derartige Selektion nur unter bestimmten Voraussetzungen bzw. beim Verdacht auf ganz bestimmte, schwere Erkrankungen durchgeführt werden.
Genau hier aber beginnt bereits die Selektion. Denn welche Kommission wird festlegen, mit welchen Erkrankungen ein Leben noch lebenswert bzw. wann ein Leben nicht mehr (er)tragbar ist? Ich frage mich auch, was dieser „Katalog“ mit Eltern macht, deren Kind an einer der gelisteten Krankheiten leidet, sie sich aber dennoch für dieses Kind entschieden haben. Müssen sie sich für ihre Entscheidung rechtfertigen? Belasten sie und ihr Kind die Gesellschaft dann über Gebühr?

Ich halte dieses Manipulieren mit dem Leben für gefährlich. Natürlich, wer Krankheiten heilen und verhindern kann, tut Gutes. Aber rechtfertigt das auch das Verhindern von Leben? Immer mehr glaube ich, dass wir heute an einer Schwelle stehen, an der wir versucht sind, der Perfektion, den Vorzug vor der Menschlichkeit zu geben. Schön ist, was makellos ist, und was nicht fehlerfrei ist, wird abgedrängt. Eine kalte Perspektive. Das ist zwar eine verkürzte Darstellung, aber sie zeigt die Richtung, in die wir uns bewegen. Selbstbestimmung wird heute groß geschrieben, aber sie hat ihre Grenzen dort, wo ein anderes Leben berührt wird. Ich verstehe jedes Paar, das sich Kinder wünscht. Aber selbst der größte Wunsch rechtfertigt es nicht, dass am Ende ein Gesetz steht, das auch die Selektion von Leben vorsieht. Wo bleibt da die Würde des ungeborenen Lebens, wo sein Schutz?

Und was hier für den Beginn des Lebens gesagt wurde, das findet sich auch an seinem Ende. Ich kann nicht ruhig bleiben, wenn wir heute Argumente suchen und finden, die den assistierten Suizid rechtfertigen. Hier den Begriff der „Selbstbestimmung“ ins Treffen zu führen, halte ich für eine Unmenschlichkeit einer neuen Größenordnung. Wir alle wissen, wie schnell aus scheinbarer Selbstbestimmung Fremdbestimmung werden kann. Wie schnell wird aus vermeintlicher Freiheit die insgeheime Empfehlung, sich und andere nicht länger zu belasten, dem Leiden ein Ende zu machen. Wir sehen nicht die Türen, die wir im Begriff sind zu öffnen. Es ist die „schnelle Lösung“, die wir suchen. Anstatt alle Energie in Palliativmedizin und Hospiz zu investieren, anstatt Ausbildungen wie den Ethiklehrgang stärker zu betonen, bevorzugen wir das schnelle Beenden des Lebens und glauben, damit die Würde des Menschen gewahrt zu haben. Ein gefährlicher Irrtum.

Als Bischof und als Mensch sehe ich es als meine Pflicht an, aufzuzeigen, wenn sich unsere Gesellschaft dahin entwickelt, alles, was nicht mehr dem Ideal entspricht, auszublenden. Eine Gemeinschaft darf Ideale verfolgen. Gleichzeitig darf sie aber nicht den Fehler begehen, alles, was diesen Idealen nicht entspricht, auszustoßen. Wir müssen fähig sein, auch dem ungeborenen Leben, dem Schwachen, dem Unvollkommenen, dem Leiden, dem Sterben einen Platz zuzugestehen. Sie sind Teil des Lebens und seiner Würde. Unsere Antwort auf sie kann nicht sein, dass wir die Augen schließen und uns umdrehen.

Deshalb und auch gerade weil es heute vielerorts antiquiert und rückschrittlich erscheint, vom Schutz und der Würde des Lebens zu sprechen, möchte ich nicht müde werden, genau das zu tun. Leben ist neben Selbstbestimmung auch Verantwortung und anvertrautes Gut. Das Leben ist ein Geschenk, der Mensch Geschöpf und Ebenbild Gottes. Vielfältigkeit ist ein Schatz, von dem ich hoffe, dass wir nie vergessen, ihn zu heben.