Mit dem ersten der gesamt 24 Begriffe aus dem Beziehungstragnetz von Bischof Elmar Fischer beschäftigt sich Christian Ortner. Er arbeitet für die Katholische Jugend und Jungschar im Bildungshaus St. Arbogast und ist zuständig für die Organisation und Durchführung von Orientierungstagen sowie die Arbeit mit Firmlingen.
von Christian Ortner
Sehnsucht nach Aufmerksamkeit
Der Mensch sehnt sich nach Aufmerksamkeit, für jemanden wichtig zu sein und gesehen zu werden. Nicht nur mit dem was ich leisten kann, sondern so wie ich bin, als Mensch. Die Tochter eines Freundes, nahm als Kleinkind bei einem Spaziergang ständig Kiesel von der Straße, um sie ihrem Vater zu geben und dieser freute sich jedes Mal über dieses "Geschenk". Dabei geht es ist nicht um Geltungsdrang. Vielmehr leuchtet in dieser Sehnsucht etwas von unserer menschlichen Berufung auf. Wir sind fähig bei einem anderen Menschen anzukommen, bzw. einen anderen anzunehmen und ihm in uns Raum und Stimme zu geben, beieinander Heimat zu finden. Wir sind uns nicht selbst genug, sondern kommen erst in der Begegnung mit anderen bei uns selber an. In noch tieferer Weise gilt das wohl für die Begegnung mit Gott. Weil die Sehnsucht so tief in uns wurzelt ist es sehr schmerzhaft, nicht beachtet zu werden, heimatlos zu bleiben. Auf der anderen Seite ist es lieblos, anderen gegenüber unaufmerksam zu sein. Da Gott die Liebe ist, wäre das sozusagen gelebter Atheismus.
Aufmerksamkeit schenken
Ich kann bestimmen, worauf ich meine Aufmerksamkeit lenke und zum Teil auch, wovon ich sie lenken lasse. Das ist wichtig, weil sie ein begrenztes Gut ist. Am leichtesten ist da noch das tägliche Entfernen von Werbeprospekten, die sich vor der Haustüre stapeln. Bei E-Mails und beim Internetsurfen oder vor dem Fernseher wird das schon schwieriger, es gibt ja soviel interessantes in der Welt. Jemand hat das surfen im www mit Wassertrinken am Hydranten verglichen. Und dann sind da die großen Brocken der alltäglichen Verpflichtungen: Arbeit, Haushalt, Vereinstätigkeiten, usw.
Wie viel Möglichkeiten bleiben da täglich, um andere Menschen bei mir ankommen zu lassen und wie kommen sie bei mir an? Welchen Blick habe ich? Was ist wirklich wichtig? In der Begegnung von Jesus, Maria und Marta geht es um diese Fragen. Eine Antwort, die ich herauslese ist: die gemeinsame Zeit ist wichtiger als ein perfekter Haushalt! Es ist so schade, wenn ein neu gebautes Haus und die Ehe der Bauleute gleichzeitig fertig sind. Auf eine andere Art drückt das die Gruppe Mondscheiner in einem Lied aus: "Dass was wir sind wird nie zu wenig sein!" Was wir sind ist genug, ist liebenswert und darauf ist die Aufmerksamkeit zu lenken.
Einen liebevollen, positiven Blick für die anderen zu lernen ist dafür ein gutes Training. Zum Beispiel wenn etwas daneben geht nicht zuerst Kritik anzubringen, sondern versuchen das Bisschen Liebe und die Bemühung dahinter zu sehen. "Die Liebe deckt viele Sünden zu", heißt es im ersten Petrusbrief. Richtig verstanden ist dieser Satz ein schönes Programm. Was wir im Alltag an Liebe investieren ist oft mickrig, aber wenn dieses Bisschen gesehen wird ist das sehr befreiend. Ich glaube diese Erfahrung dürfen wir mit Gott machen, der nicht in erster Linie die Erbsen unseres Versagens zählt, sondern auf ein Minimum an Liebe überschwänglich reagiert. Davon ist an vielen Stellen der Bibel die Rede, wenn zum Beispiel der verlorene Sohn in seinem Scheitern umkehrt und der Vater ihm voll Freude entgegenläuft. Wenn auch wir unsere Aufmerksamkeit auf die Liebe in den Kieselsteinen des Alltags lenken, kann die Liebe wachsen und sich entfalten - wie eine junge Pflanze im Frühling.
24 Begriffe führen, so die Ausführungen von Bischof Elmar Fischer, ins Zentrale: hin zum Sinn - zum Wert - zur Liebe und damit hin zur Gestaltung der Beziehung "im Geist Jesu", so der Diözesanbischof. Mehr zum "Beziehungstragnetz" lesen Sie nächste Woche: Offenheit, erörtert von den Autorinnen Luise Beiter und Silke Sommer.
Von der Redaktion veröffentlicht am 18.03.2009

