Fabian Willi kommt aus dem Montafon, wohnt jetzt in Nüziders und ist seit 2009 Volksschullehrer im Ort

Erzähl kurz von dir persönlich und deinem Job.

Ich komme ursprünglich aus dem Montafon und bin jetzt nach Nüziders umgezogen. Die Pädak habe ich nicht in Feldkirch, sondern in Innsbruck gemacht und jetzt bin ich seit drei Jahren Volksschullehrer. Im Februar 2009 habe ich angefangen, erst ein halbes Jahr als Springer in verschiedenen Schulen, wo ich für erkrankte Lehrer eingesprungen bin. Meine Stammschule war Nüziders und im darauf folgenden Herbst habe ich dann mit einer ersten Klasse angefangen und bis in die dritte begleitet. Es gefällt mir so gut in Nüziders, dass ich entschieden habe hier zu bleiben.

Warum wird Volksschullehrer als Frauenberuf bezeichnet? Bräuchte es Männer?

Heutzutage wird dieser Beruf hauptsächlich von Frauen wahrgenommen. Ganz früher gab es sogar mehr Männer als Frauen, das hat sich also im Laufe der Jahre so entwickelt. Ich glaube nicht, dass es grundsätzlich ein Frauenjob wäre. Warum sollen Männer nicht genauso erzieherische Aufgaben übernehmen können und unterrichten? Ich finde es schade, dass es hier so ein Übergewicht gibt. Wir waren schon in der Pädak nur sieben Männer auf 40 Frauen. Ich bin der Meinung es bräuchte auch mehr Männer.

Warum gibt es so wenige Männer als Volksschullehrer?

Man verdient verhältnismäßig wenig als Mann. Wenn man also da eine Familie möchte, wird die Frau wahrscheinlich auch arbeiten gehen müssen. Ein Problem ist bestimmt auch der soziale Status dieses Jobs. Volksschullehrer zu werden wird eher belächelt und leider von vielen herab gestuft. Als Volksschullehrer ist man sein ganzes Leben lang Lehrer. Nach oben gibt es nicht sehr viele Aufstiegschancen, man kann höchstens Direktor werden.

Was hat man als Lehrer zu tun? Wie sieht ein Arbeitsalltag aus?

Generell beginnt die Schule sehr früh und als Lehrer ist man noch ein wenig früher da, um mal alles her zu richten und nochmal durch zu gehen. Man verschafft sich einen Überblick und sieht zu, dass alles was benötigt wird auch vorhanden ist und passt. Der Unterricht selbst ist heutzutage nicht mehr nur reine Stoffvermittlung, sondern beinhaltet auch sehr viele erzieherische Aufgaben. Am Nachmittag hat man nicht frei, was viele vielleicht meinen könnten. Es gibt wirklich viel vorzubereiten und selbst wenn man mal frei hat und nichts zu tun hat, überlegt man sich, was man noch machen könnte, was man verbessern könnte. Man muss auch alles Korrigieren. Man muss eigentlich alles was sie machen auch ansehen. In der ersten Klasse schreiben sie noch nicht so viel, aber in der dritten Klasse ist das schon wesentlich mehr. Bei zwanzig Kindern, die pro Tag in drei Hefte schreiben, sind das doch 60 Hefte, die man durchsehen muss. Das wird dann alles dokumentiert, wo der Stand aller einzelnen Schüler festgehalten wird. Dann muss man natürlich auch wieder den nächsten Tag vorbereiten.

Welche erzieherische Verantwortung trägt man als Volksschullehrer?

Wir haben beispielsweise eine Wochenstunde soziales Lernen, wo wir auf 'Themen wie Gemeinschaft aber auch auf Streitigkeiten und ähnliches zu sprechen kommen können. Es gibt Ordner voll mit Arbeitsmaterialien zu diesem Thema. Soziales passiert sehr vieles hier und auch erzieherisch hat sich der Job stark gewandelt im Laufe der Jahre. Im Gegensatz zu früher haben die Kinder viel an Anstand und Benimmkultur verloren. Man muss schon damit anfangen, dass man am Morgen erst mal grüßen sollte. Diese Höflichkeitsformeln waren zu meiner Zeit noch normal.

Was sind aktuell große Herausforderungen im Arbeitsalltag?

Die Spanne zwischen stärkeren und schwächeren Kindern geht weit auseinander. Man muss also wahrnehmen wie die Stärken verteilt sind und je nach dem jeweiligen Stand verschiedene Angebote haben. Der eine darf nicht überfordert sein, der andere nicht unterfordert, sonst fangen sie schnell an unruhig zu werden. Man braucht also zusätzliche Angebote für die Starken. Bei uns gibt es beispielsweise einen Tisch voller Bücher, zusätzliches Material und Arbeitsblätter. Sie dürfen auch Briefe schreiben wenn sie schneller fertig sind. Andererseits muss man den langsameren helfen, dass sie hinterher kommen. Diese Kluft zwischen Starken und Schwachen geht auch immer weiter auseinander.

Was ist dein Ansporn? Was bekommt man zurück?

Obwohl es viele Tage gibt, die sehr anstrengend sind. Aber wenn dann die Kinder am Ende eines Schultages ihre Freude zeigen oder sagen, dass es ihnen gefallen hat, wenn man beobachten kann, wie viel sie mitgenommen haben, wird man für alles entlohnt. Oder wenn man einen Ausflug macht und alles vorbereitet hat und am Ende des Tages fragt man dann, wie es ihnen gefallen hat. Da merkt man dann, dass sie voller Freude sind. Da kommt einfach alles zurück. Wenn sie dich nur anlachen, dann merkt man, dass es den Aufwand mehr als Wert war. Manchmal bekommt man zu hören, man seit ein Super Lehrer oder sie schreiben Briefchen. So kommt wahnsinnig viel zurück von den Kindern und bestätigt einen darin, hier genau richtig zu sein.

Kinder meinen es ehrlich mit einem und sie merken es auch sofort, wenn man es selbst nicht ehrlich meint mit ihnen. Vor Kindern kann man sich nicht verstellen, die wissen sofort, ob man es ernst meint oder nicht und ob du das was du tust gern tust für sie.

Was sind für dich persönlich motivierende Momente?

Speziell in der ersten Klasse fällt das auf. Anfangs können sie ja kaum oder gar nicht lesen und schreiben und sie können auch nicht still sitzen. Und am Ende des Unterrichtsjahres merkt man plötzlich, dass sie plötzlich lesen, schreiben und rechnen können. Sie können halbwegs still sitzen. Das macht einem bewusst, was man alles geleistet hat in diesem Jahr. Da sieht man die großen Erfolge und was man selbst alles bewegen kann bei den Kindern. Für mich persönlich ist das eine große Motivation, zu wissen, dass ich was verändern kann. Speziell auch bei Kindern aus schwierigeren sozialen Situationen kann man etwas mitgeben und ihnen im besten Fall helfen, dass sie ihren Weg durch dich ein wenig besser gehen können. Dass du ihnen soziale Kompetenzen vermittelst, an die sie sich zeitlebens erinnern werden und die ihnen helfen ein wenig besser durchs Leben zu kommen.

Wie bist du zu diesem Beruf gekommen?

Ich komme aus einer Lehrerfamilie. Mein Papa ist selbst Volksschullehrer und Direktor, meine Mama ist ebenfalls Volksschullehrerin. Zuhause ging es also immer um die Schule, sei es am Mittagstisch oder einfach in Gesprächen. So habe ich das von klein auf mitbekommen. Da das damals ständig präsent war, dachte ich ursprünglich, dass ich nie Lehrer werden will. Andererseits habe ich früh gelernt, gut mit Kindern umgehen zu können und das auch immer gern getan. Nach meinem Zivildienst im Altersheim habe ich mich dann gefragt, was ich mal werden will. Dabei war der Lehrerberuf immer im Hinterkopf. Meine Mutter hat mir dann auch eher davon abgeraten, weil man so wenig verdienen würde. Die Erwartung war also eher Arzt oder Jurist. Ich war dann auch schnuppern im Tierärzteteam in Bludenz, was mich jedoch nicht überzeugt hat. Also entschied ich, nach Innsbruck zu gehen, um zu studieren. Als ich dann in der Universität war, um mich für Jus anzumelden, hatte ich so ein schlechtes Gefühl dabei, dass ich es doch sein gelassen hab. Also ging ich zur Pädak und obwohl schon August war und die Anmeldefrist bereits verstrichen war, konnte ich mich gleich anmelden. Das war eine Entscheidung aus dem Herzen heraus.

Wie viel verdient man?

Normal wenn man anfängt kommt man vielleicht auf 1.500,- Euro netto. Man hat aber auch oft Überstunden und kann wenn man will auch nebenbei Nachhilfe geben. Alle zwei Jahre steigert sich der Gehalt um ca. 50,- Euro. Lehrer, die schon lange unterrichten verdienen also ganz gut. Eine Verbesserung wäre, wenn man den Junglehrern mehr zahlen würde und dafür am Schluss nicht so viel mehr bekommt. Dann würden sich bestimmt auch mehr Leute dafür interessieren. Denn das Geld braucht man vor allem in der Anfangszeit, wenn man auch bauen will oder eine Wohnung kaufen.

Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen?

Die erste Voraussetzung ist, dass man spürt, dass es das Richtige für dich ist. Viele Leute sind nicht dafür gemacht, Lehrer zu sein. Man braucht ein Gefühl für Kinder und muss sich in sie hinein versetzen können. Es muss Spaß machen mit den Kindern. Man braucht Ausdauer, Gelassenheit und Geduld. Man braucht gute Nerven, weil man ruhig bleiben muss. Humor ist auch ganz wichtig, dass man lachen kann mit den Kindern.

Wie wichtig ist eine männliche Bezugsperson in diesem Kontext?

Speziell in ländlicheren Gegenden ist das klassische Rollenbild noch weiter verbreitet und die Kinder haben Mann und Frau als Eltern zuhause. Wenn das jedoch nicht so ist, dann wird die Präsenz und auch Kontinuität eines Mannes als Bezugsperson immer wichtiger. Speziell weil sie sonst im Kindergarten und in der Volksschule beinahe ausschließlich Frauen kennen lernen. Also vor allem in Städten oder dort, wo viele Scheidungskinder leben, sind Männer wesentlich. Ich glaube auch, dass Männer auf eine andere Art unterrichten. Frauen sind automatisch ein wenig die Mama während Männer wahrscheinlich einen eher distanziert autoritären Zugang haben.

Welche Möglichkeiten gibt es zur Ausbildung? Wie kann man Lehrer werden?

Zuerst brauchst man Matura. Früher machte man eine Pädak, was für pädagogische Akademie steht. Inzwischen wurde das umgestellt auf PH, also Pädagogische Hochschule, die mit einem Bachelor abschließt und sechs Semester dauert. Die gibt es in Vorarlberg in Feldkirch aber beispielsweise auch in Innsbruck. Es gibt natürlich auch verschiedene Hochschul- und Masterlehrgänge als Weiterbildung, die vier Semester dauern. Die Ausbildung beinhaltet auch viel Praxis. Man ist also tatsächlich in der Schule und beobachtet zuerst und unterrichtet dann auch. Diese Praxisstellen an Schulen werden zugewiesen und nehmen im Laufe der Ausbildung zu.

Welche Verantwortung trägt man als Lehrer?

Speziell im Kindergarten und als Volksschullehrer trägt man eine sehr große Verantwortung. Je jünger die Kinder sind, um so mehr nehmen sie alles auf, was ihnen gesagt wird. Man muss also ein Vorbild sein. Auch was Kritik angeht, muss man vorsichtig sein, denn das kann mit unter tief sitzen, lange beschäftigen und nachdrücklich kränken. Es gilt also Vorsicht, was man zu wem sagt. So sehr man sie positiv beeinflussen kann, so sehr kann man auch Negatives hinterlassen. Man kann aber auch viel herausholen, die Kinder bestärken, ihnen Selbstverantwortung und Selbstbewusstsein aufbauen. In der Hauptschule oder im Gymnasium ist das bestimmt ein wenig entschärft, weil sie in ihrer Entwicklung schon weiter fortgeschritten sind. Gerade auch als junger Lehrer fragt man sich oft, ob man schon alles richtig macht.

 

Von Peter Ionian veröffentlicht am 31.10.2011

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