Florian Gerer, 25 Jahre, Student an der Pädagogischen Hochschule, hat gerade den ersten Studienabschnitt abgeschlossen und arbeitet nebenher im Sozialsprengel in Hard. Das Interview entstand im Zuge der Berichterstattung zum Boys' Day 2011, durchgeführt von JugendInitiativ in Kooperation mit der Vorarlberger Landesregierung.

Neben einer pädagogischen Ausbildung als Sozialarbeiter zu jobben ist nicht so weit verbreitet. Was für eine Arbeit machst du da?
Im Sozialsprengel bin ich kein Sozialarbeiter im klassischen Sinn. Über eine Freundschaft hatte ich Kontakt hierher. Ich hab früher privat Nachhilfe gegeben, aber das hat mir nicht so gut gefallen, weil das immer Jugendliche aus wohlhabenden Familien waren. Da wusste man, dass diese Kinder eh gut behütet sind. Darum wollte ich etwas machen, das von Kids in Anspruch genommen wird, die sonst eher nicht die finanziellen Möglichkeit haben. So ist dieses Projekt entstanden. Ich bin während der Öffnungszeiten der Jugendtreffs hier und da mache ich Lernhilfe mit allen, die wollen. Die soziale Arbeit kommt eh automatisch dazu, denn Kinder sind Kinder.

Warum der Anspruch für Leute da zu sein, die sonst nicht die Möglichkeit haben? Was treibt dich an, dich hier zu engagieren?
Ich bin sehr sozial erzogen worden, meine Mutter ist auch Lehrerin. So war Lehrer sein auch für mich immer ein Traum, aber ich hatte dann zuerst andere Berufswege eingeschlagen. Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, hatte ich viel mit Punk zu tun. Da ist der DIY-Gedanke (Do-It-Yourself) aufgekommen, also einfach alles selbst zu machen aber gemeinsam und auch zu helfen. Das Soziale ist meiner Meinung nach etwas menschliches, auch wenn es bei vielen unterdrückt bleibt. Für mich ist es also nichts besonderes, den Leuten helfen zu wollen, sondern eher umgekehrt.

Was gibt dir das? Was kommt zurück?
Das gute Gewissen, dass da auch Kids kommen, die das sonst nicht in Anspruch nehmen könnten. Es ist auch ganz eine andere Interaktion hier im Sozialsprengel als in der Schule. Da bestehen keine so strengen Hierarchien sondern es ist eher so ein Zusammenarbeiten. Für mich ist Unterrichten auch nicht stures Stoff vermitteln. Ich bin ein praktischer Mensch und ich will nicht nur Wissen vermitteln. Das Soziale ist damit untrennbar verbunden. Das lässt sich hier besser umsetzen als wenn man nur Lernhilfe macht. Man sollte sowieso weg kommen davon, nur auf Noten hin zu arbeiten. Das Gesamte muss gesehen werden.

Wenn man sich vom Lehrplan und den Noten lossagt, was bleibt einem dann übrig, das es zu vermitteln gilt?
Sie erhalten einen anderen Zugang zur Bildung. Sie erarbeiten ihre Sachen selbst, während in der Schule auch oft viel zu viel abgenommen wird. Man lässt die Kinder zu wenig, gibt ihnen nicht die nötige Zeit, um einfach selbst auf eine Lösung zu kommen. Auch das Ungezwungene hilft, wenn die Eltern nicht immer im Rücken sitzen. Wenn hier jemand kommt, dann will er wirklich was machen. Und wenn sie nur eine viertel Stunde wollen oder können, dann ist es halt nur eine viertel Stunde. Für mich ist es wichtig zu vermitteln, dass sie des Lernen wegen lernen und nicht wegen der Noten. Andere Inputs sind auch ganz wichtig, dass es nicht immer nur das sein muss, was eine Lehrperson in der Schule sagt, sondern dass es auch immer andere Wege gibt. Und die Selbständigkeit, zu erkennen, wie wichtig das selbständige Lernen wäre.

Wie siehst du dieses Berufsfeld? Inwiefern ist Lehrer zu sein eine Frauendomäne?
Man sieht es an den Männerzahlen an der PH. Man merkt aber auch, wie den Kids oft eine Männerrolle fehlt. Da wäre eine etwas ausgeglichenere Situation wünschenswert. Es ist aber leider auch gesellschaftlich ein sehr verschobenes Denken vorhanden.

Was für Voraussetzungen sollte man für diesen Job mitbringen?
Sozialkompetenz ist das wichtigste und jeder sollte sich selbst ehrliche eingestehen, ob er das hat oder nicht. Es nützt nichts, perfekt nach dem Lehrbuch zu agieren, wenn einem der lockere Umgang fehlt. Es ist wichtig, Kinder genau gleich zu behandeln, wie jeden anderen, alle sind gleich viel wert. In Schulen herrscht noch ein starkes Hierarchiedenken. Nerven gehören sowieso überall dazu. Man sollte die Dinge auch mit einem Schmunzeln nehmen können. Wenn man 10 Stunden an einer Maschine sitzt oder mit Kindern arbeitet ist bestimmt beides anstrengend. Kindern kann man im Gegensatz zu einer Maschine aber sagen: Hört zu, mit geht es heute nicht gut, also seid bitte ein wenig leiser. Es müssen natürlich beide Seiten einsehen, dass man Mensch ist.

Wie könnte man Jungen einen solchen Beruf näher bringen?
Wenn man hierfür ein Geheimrezept hätte, wäre das super. Tatsächlich ist das aber schwierig. Vor allem sollte ein gesellschaftliches Umdenken statt finden. Man müsste das Übel an der Wurzel anpacken. Obwohl wir ein modernes Leben führen, sind wir noch immer sehr sexistisch ich alle möglichen Richtungen. Das muss grundlegend angegangen werden. Anstatt einzelne Jungen dazu zu bewegen in eine Frauendomäne einzutreten sollte man sich fragen, warum die Situation überhaupt so extrem ist. Wir sollten über diese Geschlechterabgrenzungen wachsen. Ein Mann darf genauso Emotionen zeigen, eine Frau darf auch technisch interessiert sein. Es ist eine Emanzipation aller Geschlechter gefragt.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag deiner Erfahrung nach aus?
Ich kenne bisher nur Praktika, arbeite aber auch in Projekten mit. Die Arbeit ist jedenfalls ganz anders, als man weitläufig meint. Es herrscht ja die Vorstellung, dass man eine ruhige Kugel schiebt. Man hat aber extreme psychische Belastungen und trotzdem seine zehn Stunden Tage. Man kann oft am Abend nicht einfach abschalten und alles auf morgen verschieben. Manche Sachen schwirren weiter im Kopf herum und überlegt Problemlösungen.

Was ist die Motivation dahinter?
Das Schöne daran ist, dass ich nicht auf meinen Gehaltszettel oder mein Bankkonto schauen muss, damit mir meine Arbeit wieder gefällt, sondern ich sehe es an den Kindern. Zu wissen, dass man doch noch einen positiven Teil für diese kaputte Welt beitragen kann. Eigentlich sollten vor allem KindergärtnerInnen und VolksschullehrerInnen am besten bezahlt werden und Gymnasiallehrer deutlich weniger, unabhängig davon wie lange sie studiert haben. Mit Lebenserfahrung holt man das sowieso wieder auf. Die Prioritäten sollten sich ins Soziale verlagern. Statt dessen werden Kinder als Kanonenfutter für die Wirtschaft vorbereitet. Man sollte sie eher dazu erziehen, frei entscheiden zu können. Das Zwischenmenschliche ist das Schöne. Kinder sind ehrlich und sagen dir alles ins Gesicht. Die verstellen sich nicht, da muss man die Wahrheit nicht heraus quetschen, eher bremsen.

Wie viel bedeutet dir der Zahltag?
Wenn ich etwas machen will, dann mache ich es, weil ich es gern mache und nicht wegen dem Zahltag. Wenn es nur ums Geld geht, sollte man nicht Lehrer werden. Andererseits ist man zumindest Landesangestellter und hat somit Beamtenstatus. Das heißt die Gehälter sind für alle gleich. Die Anstellung ist nicht privat also auch viel sicherer. Außerdem steht dir die Welt offen als Lehrer, speziell wenn man Sprachen macht. Wie man sieht kann man es auch sehr gut mit Sozialarbeit verbinden. Der Beruf ist also wesentlich vielschichtiger als nur zu Unterrichten.

Willst du den Jugendlichen noch einen Ratschlag mitgeben?
Ich finde, dass man grundsätzlich viel zu früh in die Arbeitswelt einsteigt. Mit 16 Jahren erkennt man gerade mal die ersten paar Fehler an sich. Es braucht einfach ein wenig Lebenserfahrung. Das heißt auch nicht, dass man dreißig oder älter sein muss, man kann auch schon in jungen Jahren viel erlebt haben. Aber es schadet bestimmt nicht, zuerst einmal etwas anderes gemacht zu haben. Dort kann man auch ein Verständnis für Jugendliche entwickeln. Es kommt auch immer darauf an, aus welchem Umfeld man stammt. Jemand der frisch maturiert hat und noch nie aus Vorarlberg raus gekommen ist, hat bestimmt mehr Probleme als jemand, der auch mal auf Reisen war. Bildung und Erfahrung sind schlichtweg zwei Paar Schuhe. Also sollte man sich Zeit lassen mit dieser Überlegung und vorab schon rein schnuppern. Auf dieser Grundlage kann man entscheiden, ob man das wirklich machen will.

Von Peter Ionian veröffentlicht am 31.10.2011

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