Predigt von Petra Steinmair-Pösel, anlässlich der Vorstellung des neuen Pfarrgemeinderates zu 1 Petr 3, 15-18 und Joh 14,15-21

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Pfarrgemeinde!

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“, schreibt der Verfasser des ersten Petrusbriefs – vermutlich nicht Petrus selbst sondern jemand aus seinem Umfeld, wie dies damals üblich war. Er schreibt dies an die ersten Christinnen und Christen, die zerstreut im nördlichen und westlichen Kleinasien leben, in der sogenannten Diaspora. Er richtet sich damit an Menschen, deren Glauben ihrer Umgebung fremd ist und deshalb immer wieder in Frage gestellt wird. An Menschen, die wegen ihres Glaubens nicht selten auch angefeindet oder sogar verfolgt werden.

Auch wenn wir als Christinnen und Christen in Österreich nicht verfolgt und auch nicht offen angefeindet werden, so erleben doch auch viele von uns, dass unser Glaube den Menschen um uns, unseren Freunden und Bekannten, unserer Familie – ja manchmal sogar uns selbst – fremd geworden ist. Vielleicht fühlen wir uns im Glauben sogar ein bisschen als Waisen, das heißt: wie Menschen, die den Bezug zu ihrem Ursprung und Urgrund ein Stück weit verloren haben. Wenn wir nicht bei allgemein gebräuchlichen Glaubensformeln wie dem im Gottesdienst gemeinsam gesprochenen Glaubensbekenntnis stehen bleiben, sondern einmal nach persönlicheren und zeitgemäßen Formulierungen suchen, fällt es oft gar nicht so leicht in Worte zu fassen, was wir wirklich glauben.

In dieser Situation sind wir eingeladen, neu der Frage nachzugehen, was denn diese Hoffnung ist, die uns erfüllt, die uns nährt und trägt durch alle Höhen und Tiefen hindurch. Jesus verspricht nicht nur seinen Jüngerinnen und Jüngern damals sondern auch uns heute im Evangelium, das wir eben gehört haben (Joh 14,15-21), dass wir dabei auf die göttliche Geistkraft vertrauen dürfen, die nie von unserer Seite weicht und uns einführt in die Wahrheit.

Doch um welche Wahrheit handelt es sich? Geht es um ein geheimes Wissen? Eine verborgene Lehre? Etwas, das nur Christinnen und Christen, vielleicht sogar nur die besonders Frommen erfahren? Ich verstehe Jesu Worte nicht in einem solch elitären Sinn: Wenn er sagt: „Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch,“ dann bringt er damit zum Ausdruck, dass niemand – dass kein Mensch – fern ist von Gott. Dieses „Ich im Vater und Ihr in mir“ weist auf eine tiefe innere Verbundenheit hin, auf eine innere Zugehörigkeit, die uns mit Jesus und mit Gott – und damit zugleich auch untereinander – verbindet. Vielleicht haben Sie schon einmal die Erfahrung gemacht, dass Sie sich in einem Moment plötzlich zutiefst verbunden erlebt haben mit der Welt um sich herum, ja mit allem, was ist. Manche Menschen machen solche Erfahrungen in der Natur, wenn sie in die Berge gehen oder einen schönen Sonnenuntergang oder den Sternenhimmel betrachten. Andere erleben das bei der Geburt eines Kindes oder beim Sterben eines nahestehenden Menschen. Wieder andere erfahren es in der Musik oder in der Stille des Gebets oder der Meditation.

Der Benediktinermönch und spirituelle Lehrer David Steindl-Rast betont immer wieder, dass wir eingeladen sind, explizit JA zu sagen, zu dieser Zugehörigkeit – und dass dieses JA zur Zugehörigkeit nichts Anderes ist, als LIEBE. Diese Liebe, dieses JA zur Zugehörigkeit äußert sich – wie Jesus im heutigen Evangelium sagt – darin, dass wir seine Gebote halten. Was aber sind diese Gebote? Im Wesentlichen sind es zwei: Gott zu lieben, und unseren Nächsten wie uns Selbst. Alles andere, die zehn Gebote, die Mose geoffenbart wurden und die wir als Kinder gelernt haben, sind nichts Anderes als Ausformulierungen und Konkretisierungen dieses Doppelgebots. Die Gebote, von denen Jesus spricht, sind damit nicht etwas Fremdes, uns von außen Vorgegebenes oder Aufgedrücktes. Vielmehr sind sie die logische Konsequenz dieser Erfahrung der Zugehörigkeit und der Verbundenheit. Wenn ich einen anderen Menschen liebe, mich ihm verbunden weiß, werde ich ihn nicht belügen, bestehlen, ausbeuten oder betrügen – weder im direkten Gegenüber noch in globalen politischen oder wirtschaftlichen Beziehungen. Wenn ich mich mit der Natur, mit Gottes Schöpfung verbunden weiß, werde ich versuchen, nicht über meine Verhältnisse zu leben, nicht mehr zu nehmen, als ich brauche, nichts unwiederbringlich zu zerstören, die natürlichen Lebensräume zu bewahren.

Nicht immer leben wir aus dieser Verbundenheit – oft gelingt es uns nicht: im Kleinen wie im Großen. Da landet weit mehr auf meinem Teller, in meinem Kleiderschrank, in meinem Einkaufswagen, als ich tatsächlich brauche. Da sehe ich vor lauter Stress und Hektik nicht den Menschen, der meine Unterstützung bräuchte, oder einfach nur ein Lächeln oder ein aufmunterndes Wort. Da achte ich weder auf meine eigenen Grenzen noch auf die anderer.

Das Schöne am Christsein ist, dass wir auch mit unseren Unvollkommenheiten und Fehlern angenommen sind, „vor aller Leistung und in aller Schuld“, wie eine wunderbare theologische Formel sagt. So wie wir sind, sind wir angenommen und geliebt. Durch alle Höhen und Tiefen, durch alles Licht und Dunkel – auch durch das letzte Dunkel des Todes hindurch – sind wir gehalten und getragen von einer Liebe, die größer ist als unser begrenzter Vorstellungshorizont und stärker als der Tod. Wenn das nicht eine Hoffnung ist, über die es sich zu sprechen lohnt …

Nun ist diese Ansprache zu einer Auskunft über die Hoffnung geworden, die mich erfüllt – und vielleicht, hoffentlich, habe ich damit auch ein wenig für jene neuen PfarrgemeinderätInnen gesprochen, die sich bereit erklärt haben, auf ihre je eigene Weise, mit ihrem je eigenen Engagement, in Worten und vor allem im Tun Auskunft zu geben über die Hoffnung, die sie erfüllt.